Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 1 (1862)
- Issue
- 3 (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 171 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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1. Die Rabbiner der Gegenwart. 171 bleiben doch die Hauptaufgabe des Rabbiners, dieser ist doch wesentlich der 1עזת ר;פ1םרזיכ, der Oberst - Schichtmeister? Von dem Schlachten spricht die heilige Schrift mit keiner Sylbe, von den Fehlern, welche sonst zum Genüsse erlaubte Thiere und Vögel untauglich machen, mit keiner Sylbe. Die Vorschriften über Schlachten, insofern sie eine rasche und möglichst schmerzlose Tödtung des Viehes bezwecken, entsprechen dem Geiste der Bibel, nicht minder die Vorsorge, nur Fleisch von gesunden Thieren zu essen. Da hat sich aber die Mikrologie daran gehängt, da hat die Aeußerlichkeit mit jener Art des Scharfsinnes, die nicht mehr Sinn, sondern blos Schärfe hat, haarspaltend tausendfache Distinctioncn und Regeln auögeheckt. Das Leben hat sie längst über Bord geworfen. Und diese Geistlosigkeit, die sich Gelehrsamkeit und Scharfsinn zu sein druckt und sich stolz aufbläht, diese Gcmüthsleere soll unsern jungen Rabbinern als eigentliche^ Lebenszehrung, als Nahrung für ihre Gemeinden mitgegeben werden? Die Ehe ist die Wurzel des Familienlebens, ist eines der wesentlichen sittlichen Bande in der Menschheit. Das Judenthmu darf auf seine Häuser mit gerechter Befriedigung sehen. Fast widerwillig gedenkt die heilige Schrift der Scheidung, ״denn Hassenswerth ist entlassen". Aber sie ignorirt das Leben nicht, und so bestimmt sie, daß der Mann, wenn er an der Frau ein Schimpfliches findet, ihr einen Scheidebrief schreibe und ihn ihr übergebe. Weiter spricht sie nicht ein Wort. Aber da hatte die Casuistik wieder einen weiten Spielraum. Sie bespricht nicht blos alle möglichen Veranlassungen zur Scheidung; dazu drängt das Leben, drängt dessen Ent- Wickelung. Sie bespricht auch die Art, wie der Scheidebrief zu schreiben sei, und wieder mit einer Scrupulosität, mit einer Aeußerlichkeit, die haarsträubend ist. Bald ist das Nun nicht lang genug, bald kann sie sich nicht genug thun an Jod's in einem Worte. Die Zahl der Zeilen muß 12 sein; was sollte auch ein Scheidebrief mit 11 oder 13 Zeilen? Natürlich muß er auch chaldäisch bleiben; denn wenn auch zwar andere Sprachen gestattet sind: wer wollte es wagen, ebenso für die deutsche Rechtschreibung und Kalligraphie die Bestimmungen zu treffen, die für die chaldäische nun einmal, Dank den Jahrhunderte fortgesetzten rabbinischen Bemühungen, feststehen? Doch über solche Dinge fragt man natürlich nicht bei einer Rabbinatsprüfung. Von wem bezweifelt werden könnte, ob er mit diesen unumstößlichen Grundsätzen vollkommen vertraut sei, der ist ein Un-