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Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben · 1862-01-01 · 2 (1862) · p. Seite 143

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Journal
Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
Volume
1 (1862)
Issue
2 (1862)
Date
1862-01-01
Page
Seite 143 (sequence 59)
Language
German
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Kayserling: Mendelssohn. 143 aber die Morgenstunden!" Und dann etwas später dennoch: ״Wenn man bedenkt, daß cs ein Jude war, der die deutsche Philosophie zur Sprache brachte, so muß man wahrhaftig erstaunen." Diese Urtheile sind nicht blos der Erguß einer übermüthigen Laune, mit der eine tiefbewegte Zeit über ihre Vorgängerin hinwegschreitet. Etwas davon mag darin liegen, aber cs sind sehr tiefe Blicke eines höchst klaren, wohl orientirten Beobachters, und sie hätlen dem Verf. sehr wohl als Leitstern dienen können. Denn zu einem umfassenden Urtheile kommt derselbe nicht, seine Darstellung dehnt den Gegenstand auseinander, zerlegt ihn in einzelne Abschnitte, ohne uns ein übersichtliches Ganzes darzubieten. M. war ein großer Mensch, der unablässig an sich selbst arbeitete, an seiner eigenen sittlichen Veredelung, an seiner geistigen Abrundung. Sein Streben war zumeist nach Innen gekehrt, und er bildete sich wirklich zu einer edlen, bedeutenden, liebens- und verehrungswürdigen Persönlichkeit aus. Das war die mächtige Anziehungskraft, die er ausübte. Thatendrang fühlte er nicht in sich; dieser aber macht den großen Mann. Er wäre vielleicht kaum in die schriftstellerische Laufbahn getreten, wenn ihn nicht Lessing ohne sein Wissen zuerst eingesührt hätte. Als Schriftsteller aber beschäftigten ihn vorzüglich die Fragen, die das Individuum als solches interessiren, das Individuum, das in sich zum ruhigen Abschlüsse kommen will. Nicht weltgeschichtliche Probleme, nicht die Stellung des Menschen zur Welt, nicht die des gegenwärtigen Menschen zn den Ueberlieferungen und Satzungen der Vergangenheit brachten ihn aus der ruhigen Sclbstbetrachtung; alle Zweifel, welche den Blick nach der weiten Außenwelt, nach dem Zusammcnhange mit der Vergangenheit und Zukunft anregen, hielt er von sich fern. Für die Geschichte hatte er überhaupt keinen Sinn. Den Inden dachte er sich im Grunde bei seinem Denken aus sich hinweg, überhaupt den Menschen in einer bestimmten Sphäre und einer bestimmten Zeit; er war Mensch schlechtweg und stimmte darin sehr wohl mit seiner Zeit, die auch die Humanität zu ihrem Wahlspräche hatte. Das war seine Stärke und zugleich seine Schwäche. Er bildete sich dadurch zu einer harmonischen Persönlichkeit aus, aber er hätte sich gern von aller Einwirkung abgeschlossen. Der Ausdruck seiner inneren Harmonie war auch sein abgerundeter Styl, das ״Graziöse", was auch Veit an ihm anerkennt. Eine Bewältigung der Verhältnisse war ihm nicht gegeben, weil er auch gar nicht verstand und sich ebensowenig bemühte, sie denkend zu entwirren.

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