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Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben · 1862-01-01 · 2 (1862) · p. Seite 90

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Journal
Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
Volume
1 (1862)
Issue
2 (1862)
Date
1862-01-01
Page
Seite 90 (sequence 6)
Language
German
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90 II. Die Orgel. Pauken und der Harfe, sie trinken nicht Wein beim Gesänge rc., also eine Zeit der Noth, in welcher die Gemüther gebeugt sind und ein jeder fröhliche Genuß verscheucht ist. Hosea spricht strafend: Freue dich nicht, Israel, nach Frohem hin, wie die Völker, denn du hast gebuhlt von deinem Gotte weg, hast Geschenk der Buhlerin geliebt mehr als alle Scheunen des Korns. Es ist eine allgemeine Strafrede gegen den ciugebrochcncn Götzendienst ohne die geringste Erwähnung von Musik und Gesang. Die Propheten sprachen zu ihren Zeitgenossen, und zu ihrer Zeit wie während der ganzen Zeit beider Tempel konnte wahrlich nicht daran gedacht werden, daß Musik und Gesang beim Gottesdienste unstatthaft sein sollte, indem gerade die Gesänge der Leviten bei Harfe und Pauke, Psalter und Flöte neben den Opfern den ganzen Gottesdienst ausmachten und es Niemandem cinficl, dagegen ein Bedenken zu erheben. — Wenn die Gcmara dennoch diese Verse für ihren Ausspruch anweudet, so ist Dies eine Anlehnung, die, wie so viele, blos ein loses Anknüpfen beabsichtigt, und die ferner mit ihrer ganzen Anschauung zusammenhängt, die Zeit von der Zerstörung des Tempels an als eine Zeit der Noth und des Abfalls zu betrachten, so daß Alles, was irgend einmal von solchen Zeiten gesagt worden, auch auf die „Zeiten des Exils" seine volle Anwendung sinde. Eine solche Anschauung hat nur in Zeiten schwerer Leiden, und auch da nur thcilweise, eine Berechtigung. Die Gemara selbst schränkt die schroffen Conseguenzen dieser Anschauung ein. Man wollte Anfangs aus Trübsinn nach der Zerstörung selbst den Genuß des Weines und des Fleisches überhaupt untersagen, wogegen der einsichtsvolle Josua ben Chananjah ankämpste (Thoßephta Sotah Ende. Baba bathra 60 b); wirklich enthielten sich Einzelne des Weines, die mau aber spöttisch „Wassertrinker" nannte (vgl. meine „Urschrift und Uebersctznngen der Bibel" S. 152), und die buchstäbclndcn älteren Karäer, hierin wie in Vielem wahrscheinlich den Sadducäern folgend, hielten an diesem Nichtgenuß von Fleisch und Wein fest (vgl. Urschrift das.). Die Pharisäer und Nabbaniten, überall bemüht, die Religion nicht zur drückenden Fessel für das Leben zu machen, weisen solche Ueberfrömmigkeit ab. Wenn sie dennoch des Gesanges und der Musik sich enthalten wollten, so lag Dies in der trüben Zcitstimmung, welche der befreienden Erhebung durch Musik und Gesang widerstritt und welche überhaupt in denselben nicht die ästhetisch veredelnde Einwirkung erkannte, sondern blos sinnliche, lärmende Weltlust fand. Mit dem

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