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Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben · 1863-01-01 · 1 (1863) · p. Seite 74

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Journal
Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
Volume
2 (1863)
Issue
1 (1863)
Date
1863-01-01
Page
Seite 74 (sequence 77)
Language
German
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74 Journal-Revue. Das hat Theologen und ״wohlgesinnte" Literarhistoriker sehr bekümmert. Lessing aus der deutschen Literaturgeschichte etwa hinaus zu maßregeln, das ging doch nicht an. Die ״Kanzel", von der er noch heute zum Volke spricht, ist doch eine zu besuchte, sie kann nicht todtgeschwicgen werden. Was nun thun? Man muß ihn wider seinen Willen zum guten Christen machen, wenigstens insoweit, daß er das Christenthum über das Judenthum stellt. Man hat glücklich herausgefunden, oder sich doch bemüht nachzuweisen, daß der Aufsatz: ״Die Erziehung des Menschengeschlechts" erst nach dem ״Nathan" geschrieben sei, in demselben werde aber ausdrücklich gelehrt, in dem göttlichen Erziehungsplane sei die Menschheit durch das Christenthum zu einer höher» Stufe emporgestiegen. Nun soll zwar auch diese Fibel der ernsteren Manncsbcschäftigung weichen müssen; jedenfalls aber stünde die christliche Fibel höher, als die jüdische, und wiederum beruhigt sich mit einem solchen Ausspruche ein christlich orthodoxes sowie ein wohlgesinntes literarhistorisches Gewissen. Man ging auch noch weiter. Man suchte sogar den ״Nathan", nicht etwa den so benannten Juden, sondern das Werk zu christianisiren, und was widersteht wohlangebrachten Exorcismen? Und doch wollte dies Alles nicht recht helfen. Schwächlinge mögen sich daran erfreuen, aber allmälig mußte man sich doch eingestehen, daß die etwaigen Zugeständnisse Lessing's sehr problematisch sind. Er liebte es, im dialectischen Streite Standpunkte zu wählen, die ihm besonders geschickt schienen, seine Gegner zu bekämpfen, ohne daß er für sich selbst an diesem Standpunkte vollkommen festhielt. So klingt die ״überlieferte Glaubensnorm", der er in den ersten christlichen Jahrhunderten die maßgebende Autorität einräumt, sehr katholisch, und er machte diese Diversion, in der allerdings eine gewisse Berechtigung liegt, nur um den Katholicismus bei dem bedrohlichen Kampfe, der noch gar vor den Reichshofrath kommen konnte, auf seine Seite zu bringen. So war denn auch seine Ent- Wickelungstheorie, die auch ihre theilweise Wahrheit hat, darauf berechnet, seinem Kampfe eine positiv-historische Grundlage zu geben. Ich stehe sogar nicht an einzugestehen, daß der ״Nathan" nicht etwa den Vorzug des Judenthums und Islams vor dem Christenthume lehren, sondern nur den Hochmuth des letzteren geißeln will. Aber er konnte es doch über's Gewissen bringen, vor dem ganzen Volke den Juden als einen Weisen und Edlen, den Moslem als einen

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