Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 1 (1862)
- Issue
- 1 (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 80 (sequence 83)
- Language
- German
- Belongs to
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80 Journal-Revue. mit religiöser Weihe begehen, wenn er auch noch keine Trauben gegessen und noch keinen süßen Most getrunken hat. Dies die eine Seite! „Oder, sagt Herr M., ste sind nur Feste geschichtlicher Erinnerung, mit denen also das religiöse Bewußtsein Nichts zu thun hat". In diesem kurzen Satze spricht sich der ganze Mann aus. Me geschichtliche Erinnerung, die über den Beginn des Christenthums hinausliegt, ist ihm werthlos. Nur geschichtliche Erinnerung! Darin liegt ja ein so hoher Vorzug der geschichtlichen Religionen, daß alle religiösen und sittlichen Ideen tief im Boden der Geschichte wurzeln, sich mit dem ganzen Leben seit Jahrtausenden auf's Engste durchdrungen haben, so in alle Nahrungssäfte, die die Vergangenheit der Gegenwart zuführt, eingegangen sind, daß sie auch jedem Mitgliede in dieser religiösen Gesellschaft lebensvoll und concret entgegengebracht werden, und Herr M. spricht von „nur geschichtlicher Erinnerung"! Wie Israel mit dem Auszug aus Aegypten als ein Ganzes entstand, in die Weltgeschichte ciutrat und seitdem in ihre Geschicke, namentlich ihre geistigen, mächtig eingreift, seinen Kampf für ideelle Güter ununterbrochen fortsetzt — ist das nicht eine Betrachtung, die unvergänglichen religiösen Werth hat, und hat demnach das Peßachfest „Nichts mit dem religiösen Bewußtsein zu thun"? Und das Schabuothfest? Da meint Herr M. wieder sehr charakteristisch: „Durch die schon ziemlich früh geschehene Anknüpfung der Verkündigung auf Sinai an das Wochenfcst hat dasselbe allerdings einen religiösen und zwar einen allgemein-religiösen Charakter erhalten; kann aber der gebildete Israelit unserer Tage sich so unbedingt der Ueberzeugung verschließen, daß das Sittengesetz der Zchngcbotc, wenn auch allgemein-menschlichen Inhaltes, doch eben nur die ersten Grundlagen der Sittlichkeit enthält, über welche die religiöse Entwickelung späterer Zeiten so weit hinausgegangcn ist, daß diese ersten Anfänge wohl kaum noch gegenwärtig den Gegenstand einer erhebenden religiösen Feier abgeben können? . . . Daß es Einen Gott gebe, und nicht mehrere Götter, daß derselbe unkörperlich sei und daher auch unter dem Bilde keines körperlichen Gegenstandes verehrt werden dürfe, das sind Alles Dinge, die wir, so zu sagen, mit der Muttermilch einsaugcn, die jedes kleine Kind weiß, die für uns gerade so selbstverständlich sind, wie die Verbote des Stehlens und Mordens in denselben Zehngeboten re." Es ist nicht meines Amtes zu untersuchen, ob wirklich jedes christliche Kind mit der Muttermilch cinsaugt, daß es nicht mehrere Götter gebe und daß