Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 1 (1862)
- Issue
- 1 (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 78 (sequence 81)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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78 Journal-Revue. des Sonntags durch äußeren Zwang auferlegt. Der Conflict ist allerdings da, er geht auch in das Innerste der religiösen Bedürfnisse ein, er muß, er wird im Laufe der Zeit seine.Lösung erfahren; als ein Product äußerer Verhältnisse kann er in dem „Denkenden" aber nimmermehr Unzufriedenheit gegen seine Religion erzeugen. — Dem Neujahrs- und dem Versöhnungstage hingegen muß Herr M. selbst ihre unvergängliche Bedeutung einränmen; an ihnen, freilich weil sie nur einzelne Tage im Jahre berühren, geht der Conflict mit dem bürgerlichen Leben, der auch ihnen nicht erspart ist, spurlos vorüber, sie besiegen ihn durch ihre innere Kraft. Dennoch glaubt Herr M. in dem Nenjahrstage einen ihn aushöhlenden inneren Widerspruch zu entdecken. „Kann denn, fragt er, der gebildete Israelit, welcher auf dem bürgerlichen Gebiete mit allen Kräften seines Wollens und Denkens der Gegenwart angchörcn will (!), sich ihrem Einflüsse in Bezug auf die Ordnung seiner Lebens- und Berufsthätigkeit entziehen, kann er mit voller Wahrheit ein doppeltes Neujahr, ein bürgerliches beim Eintritte des Winters, und ein religiöses beim Eintritte des Herbstes feiern? Und welches von beiden wird in seinen Anschauungen am Ende die Oberhand behalten, mit welchem von beiden, dem bürgerlichen oder dem religiösen, werden sich nothwendigcrweise schließlich auch die religiösen und sittlichen Empfindungen verknüpfen, die jeden denkenden und fühlenden Menschen beim Beginn eines neuen Jahres beseelen müssen?" — Ich kann Herrn M. über diese Frage beruhigen. Der gebildete Jude geht am Sylvesterabende zum Balle oder begrüßt mit dem Schlüsse der zwölften Stunde in heiterer Gesellschaft das neue bürgerliche Jahr mit halb scherzhaftem halb ernstem Trinksprnchc; sein religiöses Neujahr hingegen begeht er mit würdigen! Ernst. Der geschichtliche Verlauf bat dem Jndenthume, wie sonst Conflicte, hier eine Theilung zngeführt, die der Religion auf's Vortrefflichste zu Statten kommt, sie von aller Beimischung des weltlichen Dranges befreit; der Jude macht für seine Bernfsthätigkeit einen Abschluß mit dem bürgerlichen Neujahre, für sein inneres Gcmüthslcben mit dem religiösen. Wohl greifen beide ineinander, aber es zeigt sich in der Erfahrung nur zu augenscheinlich, daß die bürgerlichen und Gewerbsintcressen der religiösen Vertiefung fast allen Boden für das bürgerliche Neujahr entziehen, und wir wollen uns freuen, daß wir an unserm religiösen Neujahr keine kaufmännische und ähnliche Bilanz zu ziehen haben, wir überlassen cs Gotte, der, wie Herr M. mit feiner Ironie bemerkt, „nach einer abergläubischen