Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 1 (1862)
- Issue
- 1 (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 67 (sequence 70)
- Language
- German
- Belongs to
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Strauß: Reimarus. 67 des Schweigens, das er sich auferlcgt hatte" (S. VI.). Und welcher Mann von Bedeutung, der über seiner Zeit stand, wäre nicht ein solcher Märtyrer gewesen? Freilich die meisten von ihnen haben nicht einmal geheime Schriften hinterlassen, haben es bei dem bewenden lassen, was sie glaubten für die Oeffentlichkeit mittheilen zu dürfen; aber haben sie damit sich voll und ganz ausgesprochen, hat es nicht vielmehr schmerzlich an ihnen genagt, die Errungenschaft ihres Geistes nicht ganz zum Gemeingute machen zu dürfen? Sie wußten vielleicht ihre geistige Kraft auch unter den gegebenen Umständen besser zu vcrwcrthen, wußten sich daher zu beruhigen, so daß sie dem Drange, ihre ganze Ueberzeugung einem geheimen Papiere anzuvertrauen und somit der Nachwelt zugänglich zu machen, besser widerstehen konnten; einen größeren Beweis ihrer Wahrhaftigkeit haben sie mit der konsequenter vollzogenen Accomodation nicht abgelegt. Große Aehnlichkeit mit Reimarus hat Leon da Modena, dem Reggio gleichfalls durch Herausgabe seiner (Löwen- oder) Thoren- Stimme ein ähnliches Denkmal gesetzt. Seine Zeit war freilich eine gedrücktere, er wagte nicht einmal der geheimen Schrift seine Überzeugung unter eigenem Namen anzuvertrauen, er legte sie einem Fremden bei, den er angeblich widerlegen wolle, er war auch im Leben und Denken mehr zerrissen*). Die Worte Strauß' mögen auch ihm als Ehrenrettung gegen aufgeblähte Eiferer gelten. Ein Schatten jedoch lagert sich über die neueren Schriften theologischen Inhalts von Strauß. Der Mann ist seinem ganzen Studiengange und seiner innersten Richtung nach Theologe; darum zieht es ihn auch immer wieder zu solchen Arbeiten hin, darum zittert zuweilen die Stimme in seinem Ausdrucke wehmüthig, wenn er von seinen früheren größeren theologischen Arbeiten spricht. Allein das Geschick hat ihn aus dieser Laufbahn gerissen, hat ihn gegen dieselbe verbittert, er betrachtet sich als außerhalb, als darüber stehend, die Gegenstände als überwundene, die nicht mit der vollen Vertiefung und dem geziemenden Ernste behandelt zu werden brauchen; so bespricht er sie denn wohl mit der klarsten Einsicht, aber doch zuweilen nicht mit genügender Gründlichkeit und verfällt hie und da in einen Ton, der einen unangenehmen Beischmack von Bitterkeit und Leichtfertigkeit hat. Allein das Bedeutungslose übergeht der Mann mit schweigen- *) Vgl. mein: Leon da Modena, Rabbiner zu Venedig (i571—1648), und seine Stellung zur Kabbalah, zum Lhalmud und zum Chriftenthum. Breslau 1856. 5*