Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 1 (1862)
- Issue
- 1 (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 66 (sequence 69)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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66 Kurze Anzeigen. zehnten Jahrhundert blos stark im Aufstnden des Unvernünftigen und Widersprechenden, historisch Unmöglichen und Unwahrscheinlichen, schwach aber in Anerkennung des tieferen Geistes, welcher im Alterthum lebendig war, im Verständnisse des Ausdruckes, worin er sich ausprägte, in der Erklärung, wie die seltsame Darstellung und Geschichtserzählung entstanden ist, deren Wirklichkeit es mit Recht bestritt. Sein gesunder Menschenverstand behandelte Alles, was diesem widerwärtig war, als Wahn und Betrug; daß die dichtende Phantasie in aller Redlichkeit die äußeren Vorgänge nach ihren inneren Anforderungen gestaltete, daß die Macht eines großen Gedankens die Geister so bewältigte, daß sie Alles von ihm aus ansahen und darstelltcn, das erkannte cs nicht. Wir sind zu dieser tieferen und gerechteren geschichtlichen Auffassung gelangt; aber sind wir damit nicht auch vielfach selbst zu Phantasmagoriecn und Ueberschwänglichkciten zurückgekchrt? ist cs deshalb nicht sehr wohlgethan, uns wieder einmal diesen nackten klaren, wenn auch oft die Vergangenheit nicht mit dem ihr zukommcnden Maßstabe messenden und daher geschichtlich ungerechten Ausdruck dieses gesunden Menschenverstandes vernehmen zu lassen? Seiner dünkelhaft spotten, beweist eben, daß man keinen besitzt, daß man ihn in der Unklarheit des schwcbelnden und nebelnden Nomantismus eingebüßt hat. Es ist demnach mehr als ein literar-historisches, es ist ein reales, auch für unsere Gegenwart wirksames Verdienst, dieses Buch zugänglich zu machen, und wenn Strauß nun dazu seine Schwächen nicht verdeckt, sondern sie enthüllt, sie in ihrer geschichtlichen Nothwendigkeit erklärt, auf die unterdessen gewonnenen Resultate hinweist: so hat er ein Werk geliefert, wie wir es aus seiner Feder erwarten dürfen. Er hat damit zugleich dem lange Zeit unbekannten und unerkannten Verfasser, dem biedern Hermann Samuel Neimarus ein würdiges Denkmal gesetzt. In Beziehung darauf, daß Neimarus seine Ansichten bei seinen Lebzeiten verborgen hat, ein Umstand, den diejenigen, die entweder auf dem niedrigen Standpunkte der Masse verharren oder sich zu einer konsequenteren innerlichen Heuchelei heruntcrgearbeitet haben, so gerne ergreifen, um rigoristisch gegen ihn zu eifern und sich ihm gegenüber als Anhänger strengerer Wahrhaftigkeit darzustellen — in Beziehung auf diesen ihm angehesteten Makel sagt Str. ebenso richtig wie schön: „Daß er, um nicht ein Märtyrer seiner Ueberzeugung, wenn auch nur in unblutiger Art, zu werden, diese in sich verschloß, darin sah ich nur ein anderes Martyrium, das