Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 1 (1862)
- Issue
- 1 (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 8)
- Language
- German
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l. Der Voden zur Aussaat. 5 dem eigenen geistigen Antriebe und der äußern Lage der Verhältnisse gestaltet, und als man später sich selbst eine Beschränkung dieser Freiheit auferlegte, so umging man doch den Zwang, indem man das, was die freie Erkenntniß schuf und der Drang der Zeit heischte, in das Bibelwort hineindeutete oder als Überlieferung auf die Vorzeit zurückführte. Das war im Grunde nur ein neuer Ausdruck für die Sicherheit, mit dem vollen Gottesgciste, der früher zeugte, im vollen Einklänge fortzuarbeiten. Allerdings war die freie Unbefangenheit nun beengt. Das hatten außer den schwer lastenden Zeiten auch die inneren Kämpfe, z. B. mit dem entstehenden Christenthum bewirkt, die ein engeres Anschließen an den Buchstaben verlangten, um nicht fremdartige Umgestaltungen eindringen zu lassen; das bewirkte auch der Uebertritt auf einen fremden Boden. So lange man nämlich Ln Palästina, wenn auch unter geänderten Umständen, so doch im ununterbrochenen Flusse der geschichtlichen Bewegung sich befand, war ein erstarrendes Abschließen abgewehrt; als aber das Judenthum seinen Mittelpunkt nach Babylonien verlegte, da mußte der geschichtliche Faden künstlicher festgcknüpft werden, dort war es nicht gewachsen, dorthin ward es übertragen, als ein Festes, nicht als ein Flüssiges, und so vollzog sich ein theilweiser Abschluß. Schärfer noch wurde dieser, als wiederum auch diese Stätte ihren überwiegenden Einfinß verlor; auch der Thalmud war nun zum kanonischen Buche geworden. Und dennoch ward bald das ursprüngliche freie Walten mit dem geistigen Erbe wieder geweckt. Als die Wissenschaft neue Blüthen unter den Arabern zeitigte, da sehen wir bald eine Exegese und Kritik der Bibel erstehen, die ohne etwaige fremde Bcihülfe — dem Islam war dergleichen fremd — in sich selbst, weil voll eingelebt in den alten Schatz, ihr Recht und ihr Maß fand und wenn auch beengt durch ererbten Zwang, den sie nicht ganz zu besiegen vermochte, die Bahn bedeutend ebnete. Selbst dort, wo nicht höhere wissenschaftliche Bildung, aber ein schlichter Sinn sich entfalten konnte, wie in Nordfrankreich, entfaltet sich auch ein klares Bibelverständniß, ja eine wunderbar freie Behandlung ihres Inhaltes, ein tiefes Eindringen in kritische Fragen, die man ohne Zagen zur Hand nahm; Männer wie Joseph Kara, Samuel ben Meir, Joseph Bechor Schor, wären bahnbrechend geworden, wenn ihre Arbeiten nicht von der einbrechcnden Barbarei des Mittelalters bald verschüttet worden wären. Und dennoch ward der gesunde waltende Geist nicht erstickt; zuerst wurden seine Erzeugnisse