Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 1 (1862)
- Issue
- 1 (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 5)
- Language
- German
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2 I. Der Voden zur Aussaat. tieferen Geschichtskenntniß und unzweifelhaften Thatsachen Hohn zu sprechen; es fehlte der anderen an dem frohen Muthe, gesunden Sinn cinzugcstchcn und zu bewähren. — Kurz, es ist in Deutschland, der Pflanzstätte des Denkens, dahin gekommen, daß ideelles Leben und ideelle Sehnsucht in Mißkredit gekommen sind und nur materielle Fortschritte und Wissenschaften, die ihnen sich widmen, verbreitete Anerkennung finden, daß die Philosophie in ein Grabestuch gehüllt ist, die wissenschaftliche Theologie fast verstummt und nur einen kleinen Kreis treugebliebener Pfleger und Freunde um sich zu scharen vermag, daß nur die greifbaren Thatsachen in Natur und Geschichte die Wißbegier zu locken vermögen. Und dennoch darf uns dieser Schein nicht zum irrigen Glauben verleiten, daß der Rückschritt wirklich auch innerlich vollzogen, daß der Geist der Menschheit in Ermattung versunken sei. Wenn äußere politische Strömungen die Macht nach dieser Seite hin kräftigten, derartigen Versuchen Nachdruck gaben, wenn der Mehlthau der Neaction, das Gestrüppe, das geflissentlich in den Boden gelegt wurde, das fruchtbare Wachsthum hinderte, das Unkraut wuchern ließ, so hat doch die innere Kraft des Bodens an Intensität zugenommen, und hat der Fortschritt unterdessen auf anderen Gebieten so mächtig vorgearbcitct, daß, sobald Luft und Licht wieder ungehindert eindringen, eine gehaltreiche und üppige Fruchtbarkeit erwartet werden darf. Die gesunde kritische Methode, deren sich die Geschichtsforschung bemächtigt hat, ihre ticfeindringende Anwendung auf selbstständige Durchdringung der Quellen, welche das Alterthum uns Zuströmen läßt, die daraus erwachsende richtigere Einsicht in den Entwicklungsgang der Völker wirkt neben der massenhaften Beibringung von Thatsachen, welche wir neueren Entdeckungen verdanken, mächtig ein auf eine der Wahrheit förderliche Erkenntniß der Geschichte der Religionen, und Bibel und Thalmud werden in dieser neuen Beleuchtung gleichfalls erst zu ihrem rechten Verständnisse gelangen. Auch ist die Oberfläche nicht immer der entsprechende Ausdruck des inneren Lebens, und so ist namentlich im Judenthmn die volle Wirklichkeit von der äußerlich sich hervordrängenden gar sehr verschieden. Manche praktisch-religiöse Frage, die früher die größte Aufregung verursachte, ist vieler Orten geräuschlos gelöst worden, und wenn sich nicht an jeden einzelnen Schritt die laute Thcilnahme so knüpfte wie früher, so war es doch am Ende nicht blos Kälte überhaupt gegen das religiöse Leben, sondern weil man darüber hinaus war, jedes Kleinliche zu einer