Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben · 1862-01-01 · 1 (1862) · p. Seite 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
Volume
1 (1862)
Issue
1 (1862)
Date
1862-01-01
Page
Seite 1 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2420973-2420974-2420975--0006-2421079
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Abhandlungen I. Der Soden zur Aussaat. §)ie jüngst vergangene Zeit brachte uns höchst seltsame Erscheint«»- gen auf dem Gebiete des geistigen Lebens; es schien, als wolle die weltgeschichtliche Entwickelung einen rückgehenden Lauf nehmen. Man hat ausdrücklich und mit einflußreicher Geltung zu einer solchen Umkehr der Wissenschaft aufgcfordert, entschieden die Berechtigung des freien Gedankens in Abrede gestellt und auf feststehende Ordnungen und alte Einrichtungen im kirchlichen Leben gepocht, deren strengere Zurückführung und Herrschaft angestrebt und durchgeführt, hat es verkannt, daß sie längst wankend geworden, ihren geistigen Inhalt eingebüßt und zur Belebung der Menschheit unfähig geworden sind. Man hat dem Protestantismus den Grundnerv seines Bestehens, die freie geistige Durchdringung seines Lehrinhaltes, unterbunden. Man hat im Katholicismus, der in dieser äußerlichen Richtung, in dieser pseudogeistigen Atmosphäre ganz besonders gedieh, neue Dogmen festgestellt, gegen welche sich sogar die scholastische Richtung des Mittelalters, so weit sie noch ein innigeres Gemüthsleben sich bewahrt, mit entschiedenster Abwehr sträubte. Man hat im Judenthum jenes fröhliche rüstige Aufstreben erstickt, das kurz vorher ein so reges Leben in ihm entfaltet hatte, man hat den Muth der Unwissenheit angefacht und ihr Anerkennung gezollt, wenn sie sich nur als altgläubig bekannte, man hat die kluge Berechnung über alle Gesinnung erhoben, man hat die Wissenschaft entweder zur unterwürfigen Magd unter hergebrachte Meinungen entwürdigt oder sie gelehrt, mit leisetretcnder Vorsicht, mit prunkenden Umhüllungen, die den Gedanken verschleiern und der Gedankenlosigkeit einen Flitterstaat borgen, einherzuschreiten. Die eine Richtung hatte den traurigen Muth, aller

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.