Central-Anzeiger für jüdische Litteratur
- Journal
- Central-Anzeiger für jüdische Litteratur
- Volume
- 1 (1890)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1890)
- Date
- 1890-01-01
- Page
- Seite 21 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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21 [KILIAN LEIB], dessen Üebersetzung cles Mahalach von Moses Kimchi sich in der kgl. Bibliothek in Berlin befindet (Steinschneider Verzeichniss S. 53), ist derselbe, der in efiier Glosse zu der bei Rabbinowicz Variae lect. XI Einl. p. 14 beschriebenen Talmudhandschrift in heftiger Weise gegen den Autor eines auch sonst von christlicher Seite angegriffenen haggadischen Ausspruches (Lipman Nizz. No. 9 s. Geiger jiid. Zeitschr. 5 S. 58, 59) loszieht. Kilian Leib war Prior des Klosters Rebdorf (s. Perles, Beiträge z. Gesch. d. hebr. u. aram. Studien S. 213 A.) Anzeigen. GÜDEMANN, M., Geschichte u. s. w. s. S. 19. In der Periode, die in vorliegendem Werkein Betracht gezogen wird, war in der deutschen Judenheit der Einfluss, den früher die in den jüdischen Gemeinden Nordfrankreichs herrschende Geistesrichtung auf ihre Bildungs- und Kulturverhältnisse ausübte, allmälig zurückgetreten und dafür in Sprache, Volkssitte und religiösem Brauche mehr das heimische Element zur Geltung gelangt. Die geistige Führerschaft, die früher zum grossen Teile noch im Besitze der nordfranzösischen Gesetzeslehrer, aus deren Schulen auch die Rabbiner Deutschlands hervorgingen, sich befand, war vollends auf die Autoritäten der deutschen Judenheit übergegangen, die jetzt auch hinsichtlich der Gestaltung des religiösen Ritus mehr denn je die heimische Überlieferung zu Rate zogen. Diese war, da für viele Einzelnheiten desselben das Zeugniss einer feststehenden Praxis nicht vorlag und auch aus der Litteratur nicht ermittelt werden konnte, in vieler Hinsicht die einzige Quelle, aus der die diesbezügliche Belehrung zu schöpfen war, so dass selbst hervorragende Gelehrte in fraglichen Punkten sich kein Urteil zutrauten, wenn sie nicht in der Lage waren, sich auf Traditionen zu berufen*). Die Richtung, die das Gesetzesstudium in Folge dessen annahm, wurde fast ganz von dem Streben, die vielfach differirende rituelle Usanz zu regeln, beherrscht und wenn man einerseits in hergebrachter Weise beflissen war, sich das litterarische Erbe der Vergangenheit anzueignen, war man andrerseits nicht weniger bemüht, die überlieferte Sitte kennen zu lernen und auch die Lebensführung hervorragender Lehrer zu beobachten, um daraus Normen für die religiöse Praxis abzuleiten. Bei dieser Beschäftigung konnte es aber nicht ausbleiben, *) ״Möge mein Herr es mir nicht übel nehmen und für ein hochmütiges Gebahren halten, dass ich meinen Lehrer R. Ascher nicht gefragt habe, denn ich habe ihn zu wiederholten Malen gefragt und darauf die Antwort erhalten, dass er nicht zu denen gehöre, die Ueberlieferungen besitzen und dergleichen“ (Meisterlin an Mahralil GA. Ed. Cremona 136). R. Ascher ist vielleicht der Frankfurter Rabbiner Anselm (Jahrb. 8 S. 60 s. Josif Omez 483).