Jahrbücher für jüdische Geschichte und Litteratur
- Journal
- Jahrbücher für jüdische Geschichte und Litteratur
- Volume
- II. (1876)
- Date
- 1876-01-01
- Page
- – (sequence 93)
- Language
- German
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reiche Momente der Vergleichung und Beweisführung für die Behändlung anderer Materien vorfanden, in vielen Fällen indirect auf ihren Inhalt wieder zurück. Den Saboräern, welche den Talmud zu einem Schriftwerke gestalteten, ist überhaupt in keiner Weise der Vorwurf zu machen, dass sie von dem ausgedehnten Lehrmateriale, das ihnen zur Aufzeichnung vorlag, etwa manche Stücke als unbrauchbar oder überflüssig zurückgelassen hätten. Sie haben vielmehr das ganze Material der Schultraditionen, die die Amoräer hinterlassen hatten, mit Eifer gesammelt und, die Erklärung und Inhaltskritik Späteren anheimgebend; in den Talmud aufgenommen. Ihre Sorge war nur dahin gerichtet, dass das Lehrgut derUeberlieferungmit Allem, was daran hieng, unverkürzt für die Nachwelt aufbewahrt werde. Wenn daher im b. Talmud neben gediegenen und wissenswerten Kenntnissstoffen manche Erzälungen, Nachrichten und Aussprüche von einzelnen Gesezeslehrern niedergelegt sind, bei denen eine Vererbung für die Nachwelt nicht beabsichtigt war, so ist es nur die Akribie und Objectivität der Saboräer, welche sie erhalten hat, ohne dass man nach ihnen den Geist des Talmuds beurteilen kann. Die Saboräer waren Sammler, Scribenten, Gompilatoren, die alle auf sie gelangten Erinnerungen und Ueberlieferungen, welcher Art sie auch immer sein mochten, zu Buche zu bringen suchten. Der Talmud sollte nur ein Archiv der babylonischen Akademieen, eine Stoffsammlung der rabbinischen Wissenschaft, keineswegs einen Kanon der von Thanaiten und Amoräern herstammenden Lehre, dem eine höhere Autorität beigelegt wird, bilden. Eine solche besass die mündliche Lehre im Allgemeinen, ohne dass dieselbe sich auf Meinungen und subjective Ansichten der einzelnen Lehrer erstreckte. Die Saboräer stellten daher die vonMeinungskämpten wiederhallenden halachischen Discussionen, so, wie selbe auf sie gekommen waren, ohne jede abschliessende Bemerkung, hin, so dass damit deutlich genug gesagt war, der Talmud sei wol niedergeschrieben, aber nicht abgeschlossen, bedürfe noch immer der Ergänzung und Inhaltskritik. Wären sie bei ihrem Werke von der Tendenz, eine kanonische Sammlung der rabbinischen Lehre zu schaffen, geleitet worden, so hätten sie sicherlich den Individualismus und den Widerspruchsgeist, der in den Discussionen in so lebhafter Weise hervortritt, zu mildern gesucht oder überhaupt nicht zum Ausdrucke gelangen lassen.