Jahrbücher für jüdische Geschichte und Litteratur
- Journal
- Jahrbücher für jüdische Geschichte und Litteratur
- Volume
- II. (1876)
- Date
- 1876-01-01
- Page
- – (sequence 94)
- Language
- German
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88 Der babylonische Talmud war aber lediglich dazu angelegt, Alles in sich zu fassen, was an Lehre und Erinnerung aus der Vergangenheit sich erhalten hatte. An eine Auswahl des in denselben aufzunemenden Stoffes wurde dabei nicht gedacht, da es ja nur beabsichtigt war, die untergehende Kenntniss zu retten und der Vergessenheit zu entreissen. So wie die verschiedenen Meinungen und Aussprüche unvermittelt neben einander gestellt, die Discussionen und Controversen in den wenigsten Fällen zum Abschlüsse gebracht sind, so dass die Entscheidung der Prüfung eines jeden Kenners anheimgegeben ist, so ist auch Wichtiges und Unwichtiges, Grosses und Kleines mit gleicher Treue aufgenommen worden, ohne dass darum Alles so verstanden und geglaubt werden musste, wie es sich darstellt.146) Der Talmud sollte eben nicht ein Lehrbuch sein, das von einer einheitlichen Systematik getragen ist, sondern gleichsam ein Lehrhaus, in welchem die verschiedensten Meinungen sich kundgeben, ein Sprechsaal, in welchem jeder sich frei und unbefangen äussert, ein Repertorium, daraus man den Gedankeninhalt früherer Zeitalter kennen lernen kann. Durch eine abschliessende Zusammenfassung der Tradition am Schlüsse der Amoräerzeit, welche nur die Resultate derselben festgestellt und zum unveränderlichen Geseze erhoben hätte, wär das Judentum seiner Wissenschaft beraubt und seinem Ursprünge entfremdet worden. Indem in dem Talmud der ganze Entwicklungsgang der Halacha, so weit er sich noch erkennen liess, in treuer Natürlichkeit vor Augen gestellt, das Geistesleben der Vergangenheit in seinem wirklichen Bestände und Verlaufe verbildlicht wurde, ist die Erkenntniss und mit ihr die Möglichkeit einer natur- 146) Nachmani sagt (מלחמת חובה ed. Constantinopel 4 b), dass nur die herkömmliche und durch die allgemeine Uebereinstimmung sich als authentisch beurkundene Auffassung des biblischen Gesezes, die zunächst im Talmud enthalten ist, Gegenstand des Glaubens sei (והשני הוא הנקרא תלמוד והוא פירוש למצות התורה ני בתורה תרי״ג מצות ואץ בה אחת שלא נתפרשה בתליןח־ ואנחנו מאמינים בו בפירושי המצות). Damit ist klar ausgesprochen, dass die mündliche Lehre, die die Grundlage und der Hauptinhalt des Talmuds ist, nicht aber dieser selbst eine eigentliche Autorität besize. Die hagadischen Theile desselben bedeuten ihm darum wie die Midraschim nichts mehr wie ״sermones“ an denen man Geschmack finden könne oder auch nicht (יש לנו ספר שלישי הנקרא מדרש ר״ל ש י רם ו נ יש וזה הספד מי שיאמין בו טוב ומי שלא יאמין בו לא יזיק ...)