Jahrbücher für jüdische Geschichte und Litteratur
- Journal
- Jahrbücher für jüdische Geschichte und Litteratur
- Volume
- II. (1876)
- Date
- 1876-01-01
- Page
- – (sequence 63)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2418846-2418849--0316-2419204- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
wirkungsvolle Mahnung in die jüdische Welt hinaus: ״Forschet recht in der Bibel.64 c. Die Niederschreibung des Talmuds, an sich nichts mehr als ein Werk von formaler Bedeutung, nichts mehr als die Uebertragung des überkommenen Lehrstofles aus der Rede in die Schrift, aus Lauten in Buchstaben, hat, wenn auch nur mittelbar, viel weiter gehende Folgen nach sich ziehen müssen. So lange die Ueberlieferung nur durch den öffentlichen Vortrag, durch die mündliche Mittheilung, durch die fleissige Wiederholung forterhalten, der Pharisäismus gleichsam nur vom Geiste durch die Zeiten getragen wurde, konnte sie noch mancherlei Schwankungen unterliegen, hatte sie den Boden ihres Be- Standes mehr in der Vergangenheit als in der Zukunft. Als aber die Tradition, die durch den Talmudismus ausgestaltet wurde, sich zu einem Schriftwerke verdichtete und in diesem ihre sichtbare Verkörperung erhielt, als das Pharisäertum als der alleinige Träger des jüdischen Gedankens sich für die Zukunft stabil machte, musste der Sadducäismus, der alte Gegner, der längst aus dem Felde geschlagen war, wiederum auf der Bildfläche der Geschichte erscheinen, die der Tradition ihre Autorität abstreitende Richtung wiederum zur Existenz sich emporringen. Neben dem Talmud, dem Testamente des nun aus dem Leben scheidenden Pharisäertums, das sein Nachfolger, der Rabbinismus, mit Treue zu erhalten und mit Consequenz auszuführen berufen war, war ja auch die Bibel als ein heiliges Erbe der Vergangenheit zurückgeblieben, und es konnte daher nichts anderes kommen, als währenddem die einen dem Inhalte der nun zum Buche gewordenen Tradition, dem Talmud, die oberste Autorität im Judentume einräumten, die anderen zu dem einfachen Wortlaute der Bibel zurückkehrten. Der anfänglich nur in schwachen Keimen vorhandene Gegensaz musste allmalig zum vollen, offenen Meinungskampfe anwachsen, zur Scheidung des Judentums in Rabbinismus und Karaismu s führen. Man wird daher die Niederschreibung des Talmuds als eine fundamentale Thatsache der jüdischen Geschichte anzusehen haben, die in der Totalität ihres Werdens erkannt wrerden muss, in der Grundlage, auf der sie erstanden, in den Umständen, unter denen sie zur Wirk-