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Jahrbücher für jüdische Geschichte und Litteratur · 1876-01-01 · II. (1876) · page 62

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Journal
Jahrbücher für jüdische Geschichte und Litteratur
Volume
II. (1876)
Date
1876-01-01
Page
– (sequence 62)
Language
German
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56 — aufgestellt werden, nach denen bei vorkommenden Fällen zu urteilen ist. Dieses geschah wahrscheinlich in den allgemeinen, nach altem Brauche alljährlich zweimal stattfindenden Lehrversammlungen (Kallah), wo eine Reihe halachischer Themata und obschwebender religionsgesezlicher Fragen auf dem Wege der Disputation zum Abschlüsse gebracht und als Resultat derselben eine gewisse Norm als geltend angenommen wurde. Viele der aus der saboräischen und auch aus der gaonäischen Periode stammenden Regeln und Normen wurden mit der Zeit den betreffenden Partieen am Schlüsse angefügt oder überhaupt an passender Stelle eingeschaltet. Minder Kundige wurden dadurch der Notwendigkeit, die Gesezesbestimmungen erst aus den Quellen zu ermitteln, überhoben,. und andererseits auch verhütet, dass Entscheidungen massgebend werden, welche aus einer unrichtigen und einseitigen Auffassung derselben hervorgehen konnten. Die rein decisorische Tendenz, welche das Talmudstudium jezt erhielt, indem man nicht so sehr den Zweck theoretischen Verständnisses als den des practischen Gebrauches im Auge hatte, musste allmälig zu der Einsicht führen, dass der Talmud selbst die Kenntniss des Gesezes zu sehr erschwere, eine sichere, durchwegs gleiche Anwendung desselben unmöglieh mache und für viele vorkommende religiöse und juridische Fragen überhaupt keine Antwort habe. Viele Discussionen waren für den Richter und Gesezeslehrer überflüssig; in anderen Theilen schien der Inhalt des Talmuds für die Anwendung unzureichend. Das Bedürfniss einer Verkürzung, Umarbeitung und Vervollständigung durch' neugewonnene Erkenntnisse machte sich fülbar. Ein Jahrhundert, nachdem der Talmud aus den Händen der Saboräer als Schriftwerk hervorgegangen war, verfasste der Gaon Jehudai seine ״Decisirten Ilalachot“, welche den Jüngern die mühselige und für die Praxis oft unfruchtbare Forschung im Talmud ersparen sollten. Währenddem so der Pharisäismus daran war, von dem Baume, den er in den Boden des Judentums gepflanzt, die fertigen Früchte zu pflücken, streute aber der längst begraben geglaubte Sadducäismus von Neuem seine Saaten aus. Das Pharisäertum verlässt den Weg freier Fortbildung, auf dem es durch Jahrhunderte dahingeschritten, um auf dem eroberten Boden des in seinem Geiste gestalteten Gesezes für die Dauer seine Herrschaft zu gründen; gleichzeitig sucht aber der Karaismus den Urquell des erstarrenden jüdischen Geisteslebens wieder auf, ruft Anan seine

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