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Jahrbücher für jüdische Geschichte und Litteratur · 1876-01-01 · II. (1876) · page 9

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Journal
Jahrbücher für jüdische Geschichte und Litteratur
Volume
II. (1876)
Date
1876-01-01
Page
– (sequence 9)
Language
German
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3 zum Juden-Christentume sich gestaltete, das im Laufe der Zeit von seinem Ursprünge sich immer mehr entfernte, das Bewusstsein seines Zusammenhanges mit der jüdischen Glaubensgemeinde immer mehr aufgab, war, nachdem die Partei der Essäer mit ihrer rein theoretischen Richtung überhaupt nie zu einer ״grösseren Bedeutung gelangen konnte, eigentlich nur der Pharisäismus lebensfähig geblieben. Er vermochte es mit seiner freien Auslegung des Gesezes, mit seiner Hochstellung der im Volke lebenden Tradition, eine Anbequemung an die neue Lage, in die das Judentum sich hineinfinden musste, zu ermöglichen, ohne dass damit die bittere Notwendigkeit sich verbunden hätte, dem geheiligten Geseze abtrünnig zu werden und sich mit den hergebrachten religiösen Anschauungen in Widerspruch zu sezen. Der Pharisäismus hatte somit, währenddem die Spaltung in Secten gänzlich geschwunden war, aufgehört eine Parteirichtung zu sein, er war mit dem Judentume als solchem identisch geworden und musste es daher mit seinem Geiste durchdringen, mit seinem Wesen verschmelzen. Der priesterliehe Opferdienst hatte aufgehört, dem religiösen Geiste des Volkes Ausdruck zu geben; es sollte nun an seine Stelle die Uebung des Gesezes, die Befolgung der vorgeschriebenen Sazungen bis in ihre äussersten Consequenzen treten. Dieses bis in allen seinen Einzelheiten zu erforschen und zur Anwendung für alle Fälle, die ihm nur irgendwie unterliegen können, fähig zu machen, alle Bestimmungen, die in ihm ruhen, auszuholen und es so klar zu machen, so weit zu dehnen, dass sein ganzer Inhalt zum Vorschein komme, das war die alleinige Thätigkeit, der man nach dem Verluste der früheren Herrlichkeit sich hingab und deren reifes Product, deren dauernder Abschluss, deren vollendetes Denkmal der Talmud ist. Die Erscheinung, dass mehrere Jahrhunderte hindurch keine öffentliehe Kundgebung der innerhalb des Judentums herrschenden Geistesthätigkeit hervortrat, ist darum nicht so unerklärlich, wie sie sich für den äusseren Anblick darstellt. Der Pharisäismus musste eben erst seine lezten Consequenzen gezogen, sich bis in die alltäglichen Gewohnheiten, bis in die gangbarsten Vorstellungen des Volkes eingelebt haben, ehe er seinen Beruf als erfüllt ansehen und seinen beherrschenden Einfluss einem allen zugänglichen Schriftwerke abtreten und an vertrauen konnte. So lange das Gesez noch der Klarmachung bedurfte, der Feststellung entbehrte, seine Prüfung noch nicht erschöpft war, die Diseussion über 1*

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