Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 6 (März 1866)
- Date
- 1866-03-01
- Page
- Seite 474 (sequence 74)
- Language
- German
- Belongs to
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474 Jllustr. Monatsh. für die ges. Jedes andere große Gedicht aus alter Zeit würde uns ähnliche Erscheinungen zeigen, je weltlicher der Inhalt, desto mehr. Einige Aramaismen in Sprachformen und Orthographie mögen weit spätem Abschreibern zur Last fallen. Wir haben keinen Grund, die Sprache des Hiob für etwas anderes als ein sehr reines Hebräisch zu halten. Werfen wir noch einen Blick auf das gewaltige Gedicht, so muß uns die Kühnheit des Plans und der Gedanken überrascheil. Wer an den Bestrebungen der geistigen Führer Israels nur hierarchisch-dogmatische Tendenzen erblicken kann, dem muß das Buch ein absolutes Räthsel bleiben, wie freilich auch ein großer Theil der prophetischen Literatur. Wir aber betrachten dasselbe als ein herrliches Zeugniß der geistigeil Freiheit in der Zeit vor dem Exil. Der Dichter verwendet mit größter Unbefangenheit selbst Gott und seine Heerscharen zu seinem Gedicht in ganz origineller Weise, und zwar thut er das, ohne irgend zu der Fiction einer Ekstase zu greifen, sondern vielmehr in der einfachen Erzählung. Er läßt Gott selbst reden, nicht nach der Weise seiner Zeitgenossen, der großen Propheten, sondern in Worten, von welchen die ganze Natur widerhallt. Sein Held erhebt sich im bittcrn Gefühl der gekränkten Unschuld gegcil die Menschen und gegen Gott selbst, ohne das; ihm Gott hierüber den Vorwurf der verletzten Majestät machte. Er hält mit der äußersten Consequenz an der Behauptung seiner Unschuld fest und, wohlgemcrkt, der Dichter, dessen erste Worte die völlige Unsträflichkeit Hiob's bezeugen, gibt ihm hierin durchaus recht und hat diese Unschuld zum Angelpunkte des Ganzeil geinacht. Es kann nicht auffalleu, daß man schon früh ail diesen Punkten Anstoß nahm. Wir haben ein altes Zeugniß dafür an dem großen Einschiebsel Kap. 32—37. Ein Späterer suchte das Gedicht von den Anstößen zu befreien, kam aber glücklicherweise nicht darauf, diesen Zweck durch Wegschneideil und Umarbeiten des einzelnen zu erreichen, sondern er dichtete einen größeru Abschnitt, den er in das Buch einlegte. Interessen des Judenthums. Ein Jüngling, Elihu (d. h. „Er ist mein Gott"), der bis dahin aus Achtung vor den ältern Männern geschwiegen hat, erhebt sich strafend. Er hält Hiob vor, wie arg er sich durch seine Selbstgerechtigkeit verfehle. Er sieht das Leiden Hiob's allerdings auch — gegen den Sinn des ursprünglichen Dichters — als ein mit dessen Sünden zusammenhängendes an, ohne jedoch den Dulder darum grober Sünden zu zeihen, wie die drei. Er stellt ihm vor, daß sein Leideil eine Prüfling zur Besserung sei, und wiederholt, wie die Freunde, daß er, wenn er sich bessere, schließlich von Gott wieder vollen Segen erlangen werde. Wir haben hier also im Grunde wieder die alte Vergeltungslehrc, nur etwas gemildert und verfeinert. Uebrigens kommt auch Elihu am Schluß seiner Reden zu dem Ergebiliß, daß dem Menschen nichts übrig bleibe, als sich den undurchschaubaren Planen Gottes demüthig zu unterwerfen. Die Unechtheit dieses Abschnitts ist in neuerer Zeit von fast alleil nennenswerthen Auslegern, sogar von Delitzsch, anerkannt. Schon in dem Gesagten liegeil wichtige Gründe gegen die Echtheit. Doch wollen wir noch etwas näher auf das einzelne eingehen. Der Theil paßt nicht zum Plan des Ganze». Daß „Hiob" vollständig bleibt, auch wenn mail das ganze Stück herausninililt, muß jeder eingcstehen. Der Dichter des Elihu findet im Hiob Fehler, die der ursprüngliche Dichter durchaus nicht keimt. Was Gott dein Hiob vorwirft, ist etivas ganz anderes als das, weshalb ihn Elihu tadelt. Die gewaltige Rede Gottes, welcher die Fülle der Naturwunder für sich reden läßt, wird durch Elihu, der in kleinlicher Weise Vcrnunftgründe vorbringt, außerordentlich abgeschwächt. Daß aber Elihu im Sinne seines Dichters recht hat, ergibt sich einfach daraus, daß Hiob ihm nicht antwortet. Seltsam ist die Ausflucht einiger Erklärer, daß Hiob es unter seiner Würde halte, dem eitlen Geschwätz des Knaben zu antworten. Wie hätte der Dichter auf den Einfall kommen sollen, znm Schluß der gewaltigen Streitreden noch ab-