Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 6 (März 1866)
- Date
- 1866-03-01
- Page
- Seite 462 (sequence 62)
- Language
- German
- Belongs to
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462 Jllustr. MonaLsh. für-die ges. Interessen des Judenthums. Herr Mezger bei einer dritten Auflage seines Uebungsbuches besonders berücksichtigen. Literaturgeschichte der synagogalen Poesie von vr. Zunz. 8. Berlin, Gerschel, 1865. 666 S. Wenn von jeher das religiöse Lied einen wesentlichen Bestandtheil des jüdischen Gottesdienstes bildete, ohne daß irgendeine directe Vorschrift dasselbe als pflichtmäßig und nothwendig erklärt hätte, wenn von jeher das warme Glaubens- und Nationalgefühl der Juden nie in dem reizlosen Opferdienste und in stummen ceremonLellen Formen allein die ersehnte Befriedigung fand, sondern, von dem religiösen Drange erfüllt und bewegt, stets seine heilige Stimmung, seine erhabenen Empfindungen in feurigen Liederströmen ausgoß und das Opfer nur, weil es als äußeres Zeichen derselben, als ein freudig Gott hingegebenes Geschenk, eben als Opfer galt, in seiner hohen Bedeutung sich erhielt, wenn sogleich bei der Gründung des Tempels der Schwerpunkt seinerBedeutung in die dort abzuhaltenden Gebete versetzt wird — von Opfern macht das Einweihungsgebet Salomo's (I.Kön., 8; 2. Ehr., 6) merkwürdigerweise keine Erwähnung — und sogar damals schon ein jüdischer Gottesdienst in fremdem Lande als möglich vorgestellt erscheint (I.Kön., a. a. O., 47; 2. Ehr., a. a. O., 37), so konnte sich doch das Gebet während der Blüte des Opfercultus nur eine secundäre Bedeutung erringen; das Opfer war doch der officielle, das Gebet nur ein spontaner Theil des Gottesdienstes; jenes war Sühnmittel des Volks, dieses nur Gefühlsausdruck des Einzelnen. Erst als nach der Vernichtung des jüdischen Staatswesens und der letzten Zerstörung des Tempels die Priesterschaft, die früher in eigenem Interesse den Opfercultus wie möglichst zu erhalten gesucht hatte, ihre Bedeutung völlig einbüßte und das ganze Volk an die Neugestaltung seines religiösen Lebens, das ohnehin nicht lange vorher durch innere Erschütterungen gefährdet worden war, ging, wurde auch das Gebet der alleinige öffentliche Gottesdienst, und statt des Opferdampfes, der früher von lodernden Altären zum Himmel emporqualmte, stieg jetzt aus glühenden Herzen der warme Hauch der religiösen Begeisterung empor; jetzt tritt ein Judenthum der Synagoge auf den Schauplatz der Geschichte. Solange nun noch die äußere religiöse Lebensordnung, ohne die das Judenthum sich in dem Gewühle der damaligen religiösen Bewegungen verloren hätte, nicht völlig geregelt und festgestellt war, mußte zwar das fynagogale Leben im Allgemeinen noch immer im Hintergründe bleiben, aber doch war es ein Hauptfactor des Judenthums geworden; die Synagoge und das Lehrhaus wurden die Grundsäulen, aus denen das Judenthum der Zerstreuung ruhte und sich erhielt. Wenn in den ersten sechs Jahrhunderten nach der Zerstörung des Tempels das Gebet nur in minderem Maße gepflegt wurde, so ist es eben dem Umstande zuzuschreiben, daß in naturgemäßer Folge das Volk erst ein tiefwurzelndes Bewußtsein, feststehende religiöse Anschauungen zu gewinnen und in diesen ein lebendiges Einheitsgefühl sich zu verschaffen strebte, ehe es das synagogale Gebet, welches der der Gesammtheit entsprechende Ausdruck werden sollte, seiner eigenen Entwickelung überlassen konnte. Der Midrasch, der darauf hinzielte, war die unübersteigbare Vorstufe der Liturgie, und erst als er erschöpft und das Ziel, gemeinsame Anschauungen zu erlangen, erreicht war, konnte die fynagogale Poesie, die aus dessen Boden ihre Kraft und ihren Inhalt zog, sich selbständig entfalten zu einer Zeit, da überhaupt die Dichtung im Judenthum neue Pfleger gewann. Die innige Verkettung des Midrasch mit der synagogalen Dichtung hat Zunz richtig erkannt. Das Judenthum der Synagoge in seiner geschichtlichen Entwickelung, in den von ihm ausgegangenen verschiedenen Richtungen aufzuzeigen, gewissermaßen die Quellen des jüdischen Nationalbewußtseins während der Zerstreuung aufzuzeigen, war die große Aufgabe, die Zunz sich, seitdem er seine ruhmreiche, mit glänzenden Erfolgen gesegnete literarische Laufbahn eingeschlagen hat, gesetzt, und die er, so umfassend sie ist, in allen ihren Theilen in einer Weise gelöst hat, daß man sein Werk nur wird ergänzen und vergrößern, nicht aber Umstürzen oder nur wesentlich verändern können; Zunz hat den unerschütterlichen Unterbau für die Forschungen in der jüdischen Literatur- und Culturgeschichte, die eben in dem Lehr- und in dem Gotteshause ihren Ursprung und ihre Stätte hatten, ausgeführt, er hat den Boden für dieselben geschaffen, vertheilt und begrenzt, er hat ein neues, vor ihm nicht gekanntes und nicht bebautes Reich der Wissenschaft gegründet. Seinen ersten kleinern Schriften, in denen das Bestreben, den ungeregelten Wissensstoff zu sichten, erkennbar ist, folgten die „gottesdienstlichen Vorträge", die die Synagoge nach der Seite der von ihr allsgegangenen religiösen Belehrung darstellten, dann zeigte er, nachdem er in „Zur Geschichte und Literatur" die verschiedenen literarischen Richtungen des Mittelalters wie die demselben angehörenden Persönlichkeiten dargestellt und das Studium der jüdischen mittelalterlichen Literatur überhaupt angebahnt hatte, in der „synagogalen Poesie des Mittelalters", welche Fülle der Dichtung das fynagogale Leben hervorbrachte, in dem „Ritus des synagogalen Gottesdienstes" die verschiedenen Gestaltungen der Synagoge in den verschiedenen Ländern und gibt endlich in dem vorliegenden Werke eine mit erstaunlichem Fleiß bearbeitete, aus Tausenden von Notizen und Entzifferungen von Namenschiffren hervorgegangene Literaturgeschichte der synagogalen Poesie, die an Genauigkeit und systematischer Anlage ihresgleichen zu suchen hat, nicht nur einen Riesen-