Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 6 (März 1866)
- Date
- 1866-03-01
- Page
- Seite 460 (sequence 60)
- Language
- German
- Belongs to
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460 Jllustr. Monatsh. für die gef. Interessen des Judenthums. Standpunkte aus, als eine erfreuliche zu bezeichnen? Und ist es den Dichtern zu empfehlen, auch ferner noch in der Bibel des Juden nach Stoffen zu suchen? Wir können diese Frage nicht bejahen. Was man gegen die antiken Dramen vorgebracht hat, das gilt auch von den biblischen Dichtungen. Es läßt sich nicht verkennen, daß wir der gesammten Weltanschauung des Alterthums, mag sich dieselbe nun in den Erzählungen der Bibel, oder in den Schriften der Griechen und Römer aussprechen, zu sehr entfremdet sind. Und wie das Volk darum solchen Stoffen nur wenig Theilnahme entgegenbringt, so vermag auch der Dichter nur selten sich in die ganze Weltanschauung jener Zeiten einzuleben; in Werken, deren Stoffe aus dem Alterthum genommen sind, liegen daher meist zwei Welten, die alte und die moderne, im Kampfe, und diese halb antiken, halb modernen Gestalten können nur einen peinlichen Eindruck in uns Hervorrufen, ja sie wirken oft gerade zu komisch, werden Carricaturen. Die Aesthetik kann freilich gegen die Wahl solcher Stoffe nicht ankämpfen, sie kann die antike oder die biblische Tragödie nicht tiefer stellen. Aber es ist gleichwol ein einseitiges Misverstehen des Satzes, daß die wahre Kunst tendenzlos sei, wenn man an den Künstler die Forderung stellt, daß er seine Werke ohne Rücksicht auf sein Volk schaffen möge. Der Dichter, der jeder Tagesströmung folgt, jeder Mode huldigt oder in unterthänigsten Loyalitätserklärungen alles Heil seiner Muse sieht, verdient allerdings den ganzen, vollen Spott des Kritikers; aber gewiß auch der, welcher in schöngeistiger Träumerei auf seinem Wolkenthrone sitzt und, unbekümmert um die Geschicke der Welt, sich vornehm stolz von seinem Volke abschließt. Der echte Dichter soll mitfühlen die Pulsschläge seines Volks, er soll den Wünschen und Hoffnungen desselben Ausdruck geben, er soll dessen große Thaten verherrlichen und zlstneuem ruhmreichen Streben begeistern. Und will der Dichter diesem hehren Beruf folgen, dann wird er gewiß in den meisten Fällen vor der Welt des Alterthums zurücktreten und sich nationalen oder doch zeitgemäßen Stoffen zuwenden. Mögen sich die deutschen Dramatiker in alle Zukunft fern halten von dem wahrhaft verhängnißvollen Abwege, auf den sie so oft schon gerathen sind, vor der Sucht, ihre Stoffe vor allem dem Alterthum und der Geschichte fremder Nationen zu entlehnen. Es ist schön und preiswürdig, daß unsere Dichter sich für die großen Thaten auch fremder .Nationen begeistern, es ist aber traurig, wenn sie darüber ihr eigenes Volk vergessen. Nicht in der griechischen Mythologie und nicht in der Bibel, nicht in den Geschichtsbüchern der elastischen Zeit und nicht im Pentateuch sollen sie nach Stoffen suchen. In der Geschichte und im Leben des deutschen Volks, da liegt noch ein Nibelungenhort von poetischen Stoffen verborgen. Glückauf dem kühnen Taucher, der sie heraufholt aus der Tiefe! . .. Aber wohin verirren wir uns? Diese Betrachtungen — in einer Zeitschrift, welche den „Interessen des Judenthums" gewidmet ist! Und doch haben wir die Tendenz dieser Blätter nicht vergessen. Die Feinde des Judenthums eifery und spötteln darüber, daß es gegenwärtig unter den Vertretern der Kunst und Literatur so viele Juden gibt. Wir fühlen uns hier nicht veranlaßt, auf diese Angriffe zu erwidern. Das aber ist klar und unbestritten: die Dichter jüdischer Religion, welche in ihren Werken sich der deutschen Sprache bedienen, schreiben nicht für ihre Glaubensgenossen allein, sie wenden sich an das ganze deutsche Volk, sie sind deutsche Dichter, die „Interessen des Ju- Lenthums" collidiren keineswegs mit den Interessen der deutschen Literatur. Mag als ein Beleg dasür gelten, daß die obenstehenden Bemerkungen in diesen Blättern Aufnahme gefunden haben. Or. Adolph Stamm.