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Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums · 1866-03-01 · Heft 6 (März 1866) · p. Seite 448

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Journal
Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
Volume
II. Band (1865-1866)
Issue
Heft 6 (März 1866)
Date
1866-03-01
Page
Seite 448 (sequence 48)
Language
German
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448 Jllustr. Monatsh. für die ges. Interessen des Judenthums. Lung für die Juden hat als der palästinensische. Ja, es wird noch heute in vielen Synagogen an Sabbaten für die Oberhäupter der Schulen (11e8elle Law) und für die Vorsteher der Exulanten (Le.8e1i6 (lelutlm) in Babylon gebetet (Gebet delcum Lurkan). Eine ähnliche Liebe für das Vaterland finden wir bei den spanischen und portugiesischen Juden, die bis auf den heutigen Tag, wenn auch incorrect, die Sprache ihrer Väter, die spanische sprechen. Bei den Verhandlungen über die Emancipationsfrage in neuerer Zeit machte inan es öfters den Juden zum Vorwurf, daß sie keine echte Vaterlandsliebe haben, ihr Blick sehne sich nach Palästina, und führte als Beweis dafür die Gebete an, welche wiederholentlich dem sehnsüchtigen Gefühl, nach Jerusalem zurückkehren zu dürfen, Ausdruck geben. Und doch hätte ein Blick auf das Leben genügen können, um zu beweisen, wie Werth den Juden der Boden war und ist, auf welchem die Wiege ihrer Kinder stand und wo ihre Väter in den Gräbern ruhen. Trotz aller Leiden und Drangsale verlassen sie denselben nicht freiwillig. Und so sehen wir sie bis auf den heutigen Tag in Nom weilen, wo sie so viel Leid und Weh erfahren haben, wo ihre Kinder nicht mehrsicher sind. Nur höchst selten verläßt jemand das Ghetto, das von allen, die es gesehen haben, als ein schrecklicher Aufenthaltsort bezeichnet wird. 'I Dieses Hängen an der Scholle war wol auch die Ursache, daß die aus Prag vertriebenen Juden nur in sehr kleinem Maße das Vaterland verließen. Der größte Theil derselben blieb zurück und wartete bessere Zeiten ab. Freilich dauerte es noch lange, bis diese Zeiten herankamen, und haben wir noch so manches Trübselige zu berichten. Bevor wir jedoch weiter erzählen, wollen wir hier die Ursachen, welche den Juden die Rückkehr nach Prag ermöglichten, erörtern. Wir haben, wie wir glauben, auf das evidentste nachgewiesen, daß die Ursache, welche die Ausweisung bewirkt haben soll, wie man sie bisher annahm, daß nämlich die Juden gewissermaßen Vaterlandsverräther gewesen, unrichtig ist. Möglicherweise lag hier eine Verwechselung *) Als besonders bezeichnend erlauben wir uns einen Fall aus neuester Zeit mitzuthcileu, der uns von verschiedenen Seiten erzählt wurde. Als Herr Weiß v. StarkenfelS in den fünfziger Jahren Stadthauptmann von Wien war, unternahm er es auch, den Curs der Staatspapiere aus der Börse sestznstellen. Man braucht nicht ein Roscher zu sein, um zu ermessen, wie naiv ein derartiges Unternehmen war. Mehrere Personen, die damals die ten, wurden von Wwn ausgewiesen; darunter befand sich auch einer der Börsenkönige. Man sollte meinen, daß ein Mann, der über Hunderttausende zu versügen hatte, einen Staat und ein Land verlassen würde, wo ihm eine derartige Beleidigung widersahren, der aus den Börsen in Frankfurt und Paris u.s.w. sein Geschäft weiter hätte fortführen können, wo man auch Gelegenheit hat, die Freuden des Lebens zu genießen, da ihm die Mittel dazu zu Gebote standen; doch er hielt in Wien aus und wirkt mit großer Munificenz zur Linderung der Armuth noch jetzt ununterbrochen fort. vor. Im Jahre 1756, nachdem die Juden wieder nach Prag zurückgekehrt waren und inzwischen ein anderes Unglück überstanden hatten — im Jahre 1754 äscherte ein Brand wieder einen großen Theil der Judenstadt ein — kurz nach dem Ausbruch des Siebenjährigen Kriegs, wurde ein Brief des preußischen Generals Mannstein aufgefangen. In demselben heißt es: „de ii'ui en liier de lettre du 11-oi, nin8i ZiAnore, 8i nion l^xion 68t a^ree. il m'eii 68t arrive liier au 8oir uu nouveau, (sui 68t un ^uit liaptwe et Hui a rendu de tre8 t>0N8 8erviee8 au general de ^Vintert'eld dont il a un isa886s)ort. Eelui 1ä xroinet de8 grande8 e1i0868 et veut eikeetuer tout s)ar 1e8 ^uik8 iei, dont il etadlira une p08te eourante ^u8(su'a^ Lrague. 8i eela reu8- 8it ee 8era nieilleure 6li08e du Nonde. Dueli8 le 19. Oetodre 1756. Nann8tein. .Hier ist jedoch von einem getauften Juden die Rede. Inwiefern das Versprechen, seine ehemaligen Glaubensbrüder dafür zu gewinnen, Spione zu sein, auf Wahrheit beruhte, braucht um so weniger erörtert zu werden, da die Juden in der Zeit, wo sie kurz zuvor so viel gelitten hatten, gewiß nicht, zu geschweigen vom Patriotismus, doch aus Klugheitsgründen, die Hand zu einem derartigen Unternehmen geboten haben, und am allerwenigsten dürfte die Anzahl derselben groß gewesen sein. Die Kaiserin suchte übrigens durch ein anderes Mittel das Spionirwesen unter den Juden unmöglich zu machen. Der mährische Landesrabbiner verhängte nämlich von Zeit zu Zeit den Bann über diejenigen, welche gegen das Vaterland Verrath üben. Am 3. Oct. 1756, am Vorabend des Versöhnungstags, sprach der Landesrabbiner von Mähren, Moses Aron Lemberger^), den feierlichen Moment benutzend, den Bann wiederholt gegen Spione aus. Wir wollen hier nicht übergehen zu bemerken, daß die Ausweisung der Juden aus Prag von jüdischer Seite als eine Strafe Gottes betrachtet wurde. Rabbi Jonathan Eibenschütz sagt in einer Predigt, die er zu Metz anfangs 1745, zur Zeit des Exils der Präger Juden gehalten (Jaoroth Debasch 49): „In der Prager Judengemeinde fand man viel Vortreffliches und Ausgezeichnetes, leider fand man jedoch unter den Juden auch boshafte *) Lemberger war der Nachfolger von Berend EskeleS, welcher bekanntlich in Wien wohnte und im Jahre 175.4 starb. Die Wahl für den neuen LandeSrabbiner fand in Brünn am 2>> Sept. 1754 unter dem Vorsitz des Grafen Podstazky statt. Es erschienen die sechs Landesältesten und 18 Deputirte. Von diesen 24 Wahlmünnern erhielt Lemberger 16 Stimmen, die ihn prnno loco vorschlugen. Gerson Pollitzer (der dann Localrabbiner in Nikolsburg und nach dem Tode Lemberger's, 1758, Landesrabbiner neun Stimmen «eounllo!oeo vorgeschlagen. Salomon Koref, welchen wir zu nennen bereits wiederholentlich Gelegenheit hatten, schlugen zwei Stimmen primo loen, sechs stimmen Lseuiillo loeo und drei Stimmen tertio loeo vor.

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