Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 6 (März 1866)
- Date
- 1866-03-01
- Page
- Seite 445 (sequence 45)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2417805-2417813-2417819--967-2418812- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Verthold Auerbach. 445 und Moni für ebenbürtige Nachfolger kein freies Feld mehr lassen könnten. Aber freilich, wer etwa in seinem Leben nur Veilchen und Nelken gesehen, der würde die Möglichkeit der Rose erst in dem Augenblick begreifen, wo sie vor seinem Angesicht emporglänzte. Der Berthold Auerbach von heute hat den von gestern besiegt, und ich kenne keinen dritten, der es vermöchte; sein „Barfüßele" hat bewiesen, daß der echte Dichtergeist unerschöpflich ist an Farben, Düften und Formen wie die Natur im Frühling der Südlande." — „Auerbach hat nicht leicht Vollkommeneres gebildet als den Charakter der Amrei (des „Barfüßele"), dieses klaren, verständigen, milden, reinen Bauernkindes. Nie hat er feiner beobachtet und reizender geschildert; nie hat er das Naturleben lebendiger und sinnvoller dargestellt, nie es,so verstanden, Geist in die Thierwelt, Seele in Baum und Blumen zu gießen, und allen Starren und Tobten rings umher den warmen Pulsschlag des Mitlebens einzuzaubern." Ueber „Joseph im Schnee" sind wir in der Lage, vier Urtheile zu citiren. In der außerordentlichen Beilage zur „Allgemeinen Zeitung" (30. Jan. 1301, dir. 30) wird dem Dichter die Vereinigung realistischer Gestaltung mit ideellem Gehalt nachgerühmt. Das „Morgenblatt" (Stuttgart 1861, Nr. 1) freut sich, in der Geschichte „Joseph im Schnee" Auerbach wieder aus dem eigentlichen Felde seiner poetischen Thütigkeit, an der Wiege seinerschönen Erfolge zu begegnen. „Es ist eine echt schwäbische Dorfgeschichte, die sich den besten an die Seite stellt, die längst deutsches Gemeingut sind." In der „Novellen-Zeitung" (Dritte Folge. Siebenter Jahrgang. Nr. 34, 21. Aug. 1861) urtheilt Otto Bank über dieses Werk. Nach einer allgemeinen principiellen Erörterung über das Genre, welche dahin führt, daß Auerbach ohne Zweifel der gewesen, welcher die Frage durch die That am glänzendsten beantwortet hat und zwar zum Vortheil der Dorfgeschichte, sagt er: Ein solcher grüner Baum ist «Joseph im Schnee». Er wird die unschuldigsten, ursprünglichsten Freuden gewähren und zu den unbefangensten Schöpfungen Auerbach's zu zählen sein." Das letzte der hieher gehörigen Urtheile entlehnen wir der „Protestantischen Kirchenzei- Lung" (23. Febr. 1861, Nr. 8), in welcher Auerbach's Kunst im Allgemeinen anerkannt, „Joseph im Schnee" aber den Lesern, aogesehen von der künstlerischen Behandlung, des Stoffs willen empfohlen wird. „Wie vieles die Cultur beleckt, hinweggeschliffen haben möge, wie auch der Dichter die Farbe:: hier und da grell aufgetragen habe, seine Schilderung ist wahr: In diesen Sitten, Gesinnungen, Stimmungen und dieser ungebändigten und unveredelten ungeheiligten Naturkraft lebt noch ein guter Theil unsers Volks dahin. Und ebenso wahr ist das Bild des Pastors: Nur diese selbstverleugnende, demüthige dienende Liebe wird in langer, mühevoller Arbeit allmählich der starren, eckigen Charaktere Herr und streut den Samen einer unvergänglichen Bildung aus." Aus Hofer's „Hausblätter" noch ein paar Worte über die dritte der obengenannten Erzählungen, nämlich über „Edelweiß". „Auerbach's Dichtungen", heißt es da, „haben mehr als die meisten ähnlichen das Besondere, daß sie durchaus nicht in Einzelheiten auseinanderzuzerren sind, und daß, wenn dies dennoch versucht wird, derartige Einzelheiten oft, wie auch der ganze Stoff zuweilen, ziemlich unbedeutend und trocken erscheinen mögen, während sie an ihrer rechten Stelle nicht nur so bedeutsam wie möglich, sondern auch von unnachahmlichem und unbeschreiblichem Reiz sind, und während der trockene Stoff durch die Ausführung jener Art gediehen ist, in der Auerbach unerreicht dasteht." Von mehreren Stimmen englischer Kritiker, die sich über die verschiedenen Werke Auerbach's zunächst im „Athenäum" finden, wollen wir nur die eine herausheben, in welcher von „Edelweiß" die Rede ist. Nachdem vorher etwas über die Bedeutung des Titels gesagt wird, heißt es: „Was die 'Novelle anbelangt, können wir ohne Anstand sagen, daß sie eine der besten Idyllen in Prosa fft, welche jemals einer Feder entflossen. Obwol die Begebenheiten bei einer Klasse von Menschen Vorkommen, welche von der Mehrzahl ihrer Mitbrüder ab geschnitten sind, doch sind sie von einer Art, daß sie das Interesse der ganzen Menschheit berühren. Die Geschichte ist ein Meisterstück in der Kunst der dichterischen Construetion. Die Erzählung, welche am Beginn wenig mehr als eine Schilderung des ruhigsten Lebens verspricht, entwickelt aber im Weiterschreiten Situationen von niederschmetternder Kraft, die Charaktere sind mit der möglichsten Festigkeit der Wahrheit gezeichnet, die wichtigsten Personen beweisen alle eine tiefe eingehende Kenntniß der menschlichen Natur, welche mit Aufwand der kleinsten Mittel vollendete Lebenswahrheit enthalten u. s. w." Welche Anerkennung sich Auerbach unter den Engländern erworben, geht am allerbesten aus einem Urtheil der „Times" hervor, welche beim Erscheinen der Uebersetzung vom 1. Bd. der Dorfgeschichten sagten, „durch die Uebersetzung des «Ivo« hätte es sich ausgeglichen, daß Goldsmith's «Vicai' ot' VValretield« in Deutschland ein einheimisches Buch geworden sei." Nun wahrlich, mehr kann doch ein Engländer nicht thun! Eine Parallele mit dem „Vieau ist das Höchste, was ein Engländer aussprechen kann, und zeigt uns hinlänglich, wie hoch Auerbach auf dem Inselreich geschätzt wird. Diese Anerkennung zeigte sich aber nicht nur im Urtheil, sondern auch durch wirkliche Betätigung. Als im Krimkriege eine englische Gesellschaft den im Felde stehenden Soldaten eine gesammelte Weihnachtsfreude bereitete und dabei auch eine Bibliothek schickte, waren die übersetzten Dorfgeschichten von Berthold Auerbach das einzige