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Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums · 1866-03-01 · Heft 6 (März 1866) · p. Seite 443

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Journal
Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
Volume
II. Band (1865-1866)
Issue
Heft 6 (März 1866)
Date
1866-03-01
Page
Seite 443 (sequence 43)
Language
German
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Und rechts und links mit Wonnen und mit Schmerzen Sturmschritts erobern warme Menschenherzen." Diese Prophezeiung Freiligrath's hat die Erfüllung nicht lange auf sich warten lassen. Die Dorfgeschichten erlebten nicht lange aufeinander mehrere Auflagern Die „Allgemeine Preußische Zeitung" (28. Nov. 1816, Nr. bringt bei Gelegenheit der in Mannheim (1846) erschienenen dritten Auflage der Dorfgeschichten einen sehr beachtenswerthen Artikel, in welchem das Erscheinen des Buches als ein literarisches, ja fast als ein nationales Ereigniß gegrüßt wird. Zum Schlüsse desselben heißt es: „Auerbach hat in diesen Geschichten alle Tonarten der Dichtung angeschlagen, Derbheit, Humor, Zartgefühl, Innigkeit, ausgelassene Freude und tragischen Untergang. Sein Dorsbuch ist auch ein Buch des Gebens, dessen Blätter der Hauch der Geschichte rauschend aufschlägt und von kleinen, aber echt menschlichen Verhältnissen lesen läßt." Auch ein Wort von Robert Prutz mag hier seinen Platz finden. In dem Aufsatze: „Die Literatur der Gegenwart, II." (Berlage zur „Allgemein. Zeitung", 27. Sept. 1860, Ar. 271) äußert sich der bekannte Literarhistoriker folgendermaßen: „Dorfgeschichte hatten wir schon im Simplieissimus, bei Jung LLilling, Pestalozzi und in der köstlichen Episode vom Dorfschulzen bei Jmmermann; allein als eine eigene literarische Gattung, oder gar als Rettungsanker der Literatur entstand sie erst im Ge- Gegensatze zur Salonpoesie. Berthold 'Auerbach hatte lange sich mit dem Qualm und Wust der ganzen gelehrten Bildung herumgeschlagen und die ganze trübe Scholastik des Talmud in sich aufnehmen müssen, ehe er auf dein heiligen Boden seiner Kindheit zufrieden und den vollen duftigen Dichterlorber fand. Sofort setzten sich unzählige Federn in Bewegung, dein glücklichen Borbild nachzueifern. Auerbach aber bietet uns immer erst Natur aus zweiter Hand, aus seinen Bauernburschen und Mägden spricht der ästhetisch und philosophisch gebildete Dichter." Daß Auerbach nicht nur das Volk beschrieb, sondern auch für dasselbe schrieb haben.wir oben bereits angedeutet. Als beste Handhabe zu diesem letztern Zwecke bot sich der Kalender dar, welchen er unter dem Titel „Der Gevattersmann" vier Jahre lang (1845—18) herausgab und der sich der außerordentlichsten Verbreitung zu erfreuen hatte. Bon dem ersten Fahrgange wurden 80000 Exemplare verkauft, einzelne Dörfer nahmen davon bis zu 200 Stück. Mit dem Jahre 1848 hörte „Der Gevattersmann" auf, seinen freundlichen unterhaltend-belehrenden Besuch in den Hütten der Dörfer zu machen. Die vier Jahrgänge erschienen 1856 in Stuttgart und Augsburg gesammelt unter dem Titel „Schatzkästlein des Gevattersmannes". In der Zeitschrift „Ein deutscher Volkspädagog" (Datum und Nummer kann ich nicht angeben, da mir der 'Artikel blos im Bürstenabzug vorliegt) ist über das „Schatzkästlein" ein vortrefflicher, eingehender Aufsatz enthalten. Nachdem derselbe die Einleitung Anerbach's „lieber der SLnbenthür" reprodueirt hat, heißt es: „Das ist nun gleich eine der lieberlswürdigen unschätzbaren Haupteigenschaften unsers Schatzkästleins, daß seine lehren nirgends eine fertige, im Buchstaben gefangene Weisheit aufnöthigen, sondern, immer dieses Mithelfen des angeredeten voraussetzend, nur in erwecklicher Berührung des Geistes vernehmbar werden. Keine Spur ist hier von der breiten schulmeisterlichen Deutlichkeit, und wohlweise auf den Leser hineinpredigenden Auseinandersetzungssucht, die jeden halbwegs gutgearteten Bürger- und Bauernverstand ärgern und abschrecken muß." Der Artikel hebt ferner die tiefe Kunde des Mensch en her wns, die Entschieden Heck des sittlichen Gefühls, den liebenden Willen lind die schauende Kraft der Phantasie hervor, gedenkt dann der politischen Gesinnung des Gevattersmannes, die frei und offen genug in seiner ganzen Aeußeruugsweise niedergelegt ist. Ein nicht minder eingehendes Ilrtbeil über das Schatzkästlein findet sich in der „Kölnischen Zeitung" (1. Mai 1856, Nr. 124) unter dem Titel „Berthold Auerbach als Volksschriftsteller". „Wandert man durch die weiten Gärten unserer Literaturgeschichte, so trifft man nur hier und dort eine Gestalt, der man mit gutem Gewissen den Titel eines auch vor den Gesetzen der Aesthetik gültigen Volks lehrers durch das geschriebene Wort geben kann. Seit den letzten hundert Jahren gehören in diese Reihe Justus Möser, Johann Heinrich Pestalozzi und Johann Peter Hebel, denen sich für die Jugend noch Christoph Schmid, und für die Verhältnisse der Schweiz Jeremias Gotthelf, dessen Form freilich viel zu wünschen übrig läßt, anschließen. lieben diesen Männern, die nun schon alle das Grab deckt, wußten wir eigentlich nur einen Lebenden zu nennen. Es ist Berthold Auerbach . . ." Im Jahre 1845 berührte Auerbach auf einer Reise nach dem Korden auch Leipzig, wo Brockhaus eben für die „Urania" die „Sträflinge" druckte, womit die neue Folge der Dorfgeschichten beginnt, welche außer dieser noch „Die Frau Professorin" und „Lueifer" enthält. Alan kennt die Verballhornung, welche die dramatische Fabrikantin in Berlin der „Frau Professorin" gnädig angedeihen ließ. Gewiß ist es, daß „Dorf und Stadt" der Frau Birch- Pfeiffer einen größern Erfolg erzielt hat, als Anerbach's Origiualdarstellung. Trotzdem hätte sich der Dichter von seinen! Unmuthe nicht verleiten lassen sollen, mit der Birch - Pfeiffer zu proeessiren; denn einerseits hätte er sich die Mangelhaftigkeit der deutschen Gesetzgebung in Punkto: 'Nachdruck und geistigen Diebstahl vor Augen halten und sich sagen sollen, daß er gegen sie nichts ausrichten werde, anderseits hätte er auch können darüber beruhigt sein, daß seine Dorfgeschichten noch zu einer Zeit vielen Herzen eine Erquickung sein werden.

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