Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 6 (März 1866)
- Date
- 1866-03-01
- Page
- Seite 441 (sequence 41)
- Language
- German
- Belongs to
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Berthold Auerbach. 441 Ein französischer Kritiker, Saint-Rene Taillandier, spricht sich in der Uovue äe8 äeux Noiicl68 (14. Bd., 6.Lfg., 1846, S. 917) folgendermaßen aus: „Auerbach schildert uns das Leben der Landleute seiner Heimat, er malt das arme, im Wald versteckte Dorf, die einfachen, rauhen Litten ves Arbeiters und Holzhauers. Wir verlassen, und Gott sei Dank dafür, die Boudoirs der Gräfin Hahn-Hahn, die Salons des Herrn vonSLernberg und die zweideutige Gesellschaft, in der das Junge Deutschland die Berechtigung des Fleisches predigte. Bon dieser falschen, gemachten und vor allen Dingen undeutschen Richtung sind wir hier erlöst. Ein würziger Duft begrüßt uns, ein Hauch des Frühlings, das Wehen einer reinen und kräftigen Luft, die über den Bauernhof, über die Furchen des frischgeackerten Feldes, durch die Eichenwälder der Bergeshalden zu uns kommt. Die reinste und wärmste Liebe für sein Vaterland, verbunden mit dem reinsten Kunstgeschmack, mit dem außerordentlichen Geschick, das nie verletzend hervortritt, das ist es, was den Dorfgeschichten einen schnellen und dauernden Erfolg verschafft hat. Seine Personen sind nie die Repräsentanten eines Systems, er macht sie weder zu Volkstribunen, noch zu Predigern, er liebt sie, er matt sie auf die Leinwand mit ihrem offenen und wahren Gesicht, mit ihrem gutmüthigen Witz und läßt auch ihre Laster hervortreten, denn er will ihnen Rath und Lehre geben. Der Soldat und der Fleischer, der Pfarrer und der Schullehrer, der Bauer, dem der Sinn nach Amerika steht, der Seminarist, der Heimweh nach dem väterlichen Dache hat, das arme junge Mädchen, das dem Verführer erlag, der Landstreicher, alle sind versammelt. Das Gemälde ist von weitem Umfang, es ist verwickelt, der Klippen zeigen sich viele. Jmmermann schrieb einfach eine Episode, hier ist eine ganze Welt. Wird sich der Dichter nicht wiederholen? Wird er die Eintönigkeit einer Inspiration vermeiden, die stets dieselbe ist? Diese Befürchtungen sind erlaubt; wenn man aber dem Dicher Seite für Seite folgt, diese Keuschheit der Erzählung, dieses liebevolle Eingehen auf seinen Stoff, diese gesunde Moral, diese ernste Theilnahme für das Volk und seine Freiheit, die überall hervorleuchtet, sich entwickeln sieht, so wird man beruhigt und sagt sich, daß der schwierige Stoff in der Hand eines Künstlers ist, der seine Aufgabe mit Meisterschaft löst." Wenn wir diese im Jahre 1846 geschriebenen Zeilen heute, nach zwanzig Jahren, überlesen, so können wir hinzufügen, daß jene Befürchtung, von der der französische Kunstrichter spricht, grundlos war, wenigstens hat die Erfahrung sie widerlegt, denn wir glauben nicht, daß z. B. „Barsüßele" oder „Edelweiß" ihm ein weniger günstiges Urtheil über das Talent und die Kunst Auerbach's entlockt haben würden. Es verräth wenig Einsicht in die Tätigkeit der Phantasie und in den künstlerischen Schaffungsproceß, wenn man sich es einfallen läßt, dem Verfasser der „Schwarzwälder Dorfgeschichten" die Erfindung abzusprechen, mit der Behauptung, daß er seine Figuren ganz so, wie sie von ihm dargestellt worden seien, in Nordstetten vorgefunden habe. Man sollte es kaum für möglich halten, daß ein Literarhistoriker wie Hildebrand eine solche Plattheit niederschreiben konnte. Man könnte Rubens mit demselben Recht zum Vorwurf machen, daß er sich die Löwen, die er gemalt, früher gut angesehen habe. Es würde uns zu weit in einen Ereurs über das Wesen der Phantasiethätigkeit abführen, wollten wir uns hier in eine ästhetische Erörterung einlassen, welche die Unzulässigkeit der angeführten Behauptung darthun möchte. Inzwischen aber haben wir ein viel kürzeres Mittel, um das Märchen von der Ersindnngslosigkeit Auerbach's in seiner ganzen Albernheit zu zeigen. Es hatte die genannte Behauptung nämlich für wißbegierige Reisende einen eigenen Reiz, und sie haben die Mühe nicht gescheut, den Weg nach dem Gebirgsdorfe einzuschlagen, um die Originale der Gestalten zu finden, die ihnen der Dichter so lebendig abeonterfeit. Sie meinten wol, beim ersten Schritt in das Torf werden sie über den „Tolpatsch" stolpern, und nach wenigen Minuten werde ihnen der „Buchmaier" begegnen und im Handumdrehen werden sie den „Ivo" haben u. s. w. Diese Empfindung war eine ganz richtige. Ja freilich sind die Gestalten so lebendig geschildert, daß man sie alle da vor sich zu sehen glaubt, auch uns ging es so und geht es noch so, und wir sagten jaschon oben eingangs, daß wir auch jetzt das ganze Nordstetten vor uns liegen sehen mit allen seinen Bewohnern, aber wieder nur in der Phantasie. Fragt einmal jene Reisende, ob sie den Tolpatsch in Nordstetten richtig ausgefunden und was ihnen die Bauern auf ihre ermüdenden Fragen nach den Originalien für Antwort gegeben: „'s ischt alles verstunke und verloge!" Das war die Antwort. Also da haben wir's. Die Bauern ärgerten sich über Auerbach, daß er ihnen solche Sachen andichte, die gar nie stattgehabt haben, sie meinten, er wolle sie lächerlich und sich über ihre einfachen Litten lustig machen. Auerbach's Popularität verbreitete sich trotz mancher von Neid und Misgunst ausgegangenen absprechenden Urtheile in der ganzen civilisirten Welt und weit übers Meer hinaus. Das „Magazin für die Literatur des Auslandes" (vom Dec. 1855, Nr. 147) enthält einen Artikel „Die Schwarzwälder Dorfgeschichten im Auslande", aus welchem wir Folgendes entnehmen: „Wer so wie Auerbach in seinen "Schwarzwälder Dorfgeschichten», bei entschiedenem Berufe ein Lehrer des Volks zu sein, die Unterhaltung und Veredlung des Volks im Auge hat, wer nicht eben die Verfeinerungen oder die Extravaganzen der Gesellschaft, sondern das menschliche Herz in seinen natürlichen Regungen, das noch nicht durch Reste-