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Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums · 1866-03-01 · Heft 6 (März 1866) · p. Seite 440

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Journal
Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
Volume
II. Band (1865-1866)
Issue
Heft 6 (März 1866)
Date
1866-03-01
Page
Seite 440 (sequence 40)
Language
German
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440 Jllustr. Monatsh. für die ges. Interessen des Judenthums. zur Verbreitung gemeinnütziger Kenntnisse" ernannt. Bei der Tafel hielt Pfarrer Wehner die entsprechende Anrede. Auerbach, der während der Zeit seines srühern frankfurter Aufenthalts (1838—40) die grelle Trennung von Christen und Juden miterfahren hatte — er arbeitete damals in Gemeinschaft mit Gabriel Rießer vielfach für die Emancipation der Juden —, nahm die Gelegenheit wahr, die festliche Versammlnng, in welcher sich viele Mitglieder des Senats sowie weltliche und geistliche Behörden eingefunden hatten, in begeisterter Rede auf die wahren Ziele menschlicher Bildung und auf die Verwerflichkeit religiöser Intoleranz, socialer Trennung und Vorurteile aufmerksam zu machen. Die Rede hatte eine mächtige Wirküng, und nachdem der erste Sturm des Beifalls sich gelegt, kam einer der anwesenden Senatoren mit den: Glase in der Hand auf Auerbach zu und sagte: „Herr Doctor, ich muß noch besonders mit Ihnen anstoßen. Ja, Sie find ein Mann, und was für ein Mann. Ja, Herr Doctor, wenn alle Jütte *) so wären wie Sie." „Ja, Herr Senator", erwiderte Berthold Auerbach, „wenn alle Christen so wären wie ich, dann wäre die Welt frei." Der gönnerische Senator war von diesem Worte der Geistesgegenwart wie vom Blitz getroffen, und diese vom Moment abgedrungene, das Selbstbewußtsein betonende Erwiderung, die von mehreren Umstehenden gehört worden war, stand tags darauf in den Zeitungen. Es ist ein Glück für den Dichter, wenn er zu seinen poetischen Productionen eine solche Reife mitbringt, wie sie Auerbach errungen hatte, ehe er an die erste Dorfgeschichte ging. Die ersten Zeichnungen des Dörflerlebens erschienen in belletristischen Zeitschriften, wie „Europa", „Elegante Welt", „Freihafen". Die ersten Dorfgeschichten riefen einen wahren Jubel hervor. Wer könnte sich auch des Eindrucks erwehren, den diese herrlichen Zeichnungen einer schlichten, einfachen Welt auf uns Hervorbringen. Das war ein neuer Ton, als t842 der erste Band gesammelt erschien, das war eine derbe, kräftige, edle, unverdorbene Weise, die hier angeschlagen wurde, das war Naturwahrheit und echte Poesie, realistische Zeichnung mit idealen Zielen und Zwecken, die schönste Vereinigung des Jdealimus und Realismus. Freilich hat man sich besonnen und besinnen müssen, daß man diesen Ton auch früher schon gehört, man erinnerte sich an Jmmermann's „Münchhausen", d. h. an den „Oberhof". Aber was thut das auch? Kein Mensch fällt, wie wir in diesen Blättern bei Gelegenheit des Nekrologs auf Otto Ludwig gesagt haben, fertig vom Himmel herunter. Wie bei Auerbach's „Ghetto-Geschichten" auf Heine's „Rabbi von Bacharach" zurückgewiesen werden mußte, so muß hier bei Betrachtung der Dorfgeschichten Auerbach's an Jmmermann erinnert werden, und so werden Juden. Wir bei Anerkennung und Würdigung des Auerbach'schen „Schatzkästlein des Gevattersmannes" auch wieder auf den schlichten, sinnigen Johann Peter Hebel den Blick zurückwenden müssen. So viel aber bleibt doch stehen, daß sich des eigenthümlichen Genres der Dorfgeschichten von allen andern keiner in dem Grade und mit so viel Glück bemächtigt, und es ist keine bloße Redensart, wenn man behauptet, daß man sich im Laufe der Zeit daran gewöhnt habe, den Begriff „Dorfgeschichte" mit der Vorstellung „Berthold Auerbach" zu identtficiren. Für Jmmermann's „Münchhausen" fehlte vielen der Sinn und das Verständnis;, Jeremias Gotthelf ist lange nicht so populär geworden, als er es verdiente; wenn von der Dorfgeschichte im Kreise der Leser die Rede ist, so ist, das kann man annehmen, nur von Auerbach die Rede. So etwas läßt sich aber nicht erzwingen, sondern es zwingt eben, es läßt sich nicht machen, sondern es macht sich eben selbst. lieber die „Dorfgeschichten" heute noch ein eingehendes Urtheil abgeben wollen, wäre ein sehr überflüssiges Geschäft. Man könnte doch eigentlich neue Seiten, die nicht sofort von der Kritik erkannt worden wären, schwerlich daran entdecken. -Oder wollte man etwa gar noch einmal über die Berechtigung des ganzen Genres einen Kampf Hervorrufen? Es gab eine solche Zeit, wo das Genre angesochten wurde; Auerbach selbst hat in seinem Buche „Schrift und Volk", in welchem er dem alemannischen Dichter ein ehrendes Denkmal setzte, die Berechtigung zur Genüge dargethan. Mehr als alle theoretischen Untersuchungen über die Natur und den Charakter der Dorfgeschichte, mehr als alles Aesthetisiren über die Lebenskrast und die Berechtigung dieser modernen Idylle thun es die poetischen Productionen selbst, wenn sie sich lebenskräftig erweisen, wenn sie den Stempel ihrer Echtheit, das Gepräge ihrer Wahrheit und somit ihre Existenzberechtigung in sich tragen. Daß dies bei Auerbach's Dorfgeschichten im hohen Grade der Fall ist, kann keinen Augenblick in Abrede gestellt werden. Welche derselben wir immer uns vor Augen halten, es ist jedesmal ein echt menschliches Bild, d. h. ein Bild echten, reinen Menschthums, das uns der Dichter in den einfachsten Farben vor die Phantasie hinzaubert. Bei der großen Beliebtheit, deren sich Auerbach in allen Leserkreisen zu erfreuen hat, bei der nahezu allgemeinen Anerkennung, die dem großen Erzählertalent Auerbach's von der deutschen sowol als ausländischen (namentlich französischen und englischen) Kritik zutheil geworden, halten wir es heutzutage vielmehr für Misere Aufgabe, so wie wir es schon oben bei „Spinoza" und „Dichter und Kaufmann" gethan, die wichtigsten kritischen Stimmen, die sich über Auerbach im Lause der Jahre haben vernehmen lassen, zu citiren, theilweise zu reproduciren und in ein Bild zusammenzufassen.

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