Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 6 (März 1866)
- Date
- 1866-03-01
- Page
- Seite 439 (sequence 39)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2417805-2417813-2417819--961-2418806- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Berthold Auerbach. 439 seiner genialen Individualität bleibt, gestattet ist, scheint uns bei einem Denker, dessen Bestreben auf die Hingabe an das durchaus Allgemeine und Nothwendige gerichtet ist, gerade je größer er ist, desto weniger am Platze. Wir wissen kein Beispiel, daß im Leben eines Mathematikers die Liebe einen Einfluß auf sein geometrisches System geübt; die Philosopie Spinoza's aber ist eine Geometrie des Substanzbegriffs. In der Biographie eines Künstlers, eines Helden, eines Staatsmannes kann die Liebe eine bestimmende Nolle spielen; zu dem, was der Dichter in seinem Spinoza leisten will, zu der psychologischen Begründung des Spinozismus im Spinoza vermag sie nichts beizutragen. Es scheint, der Verfasser des Romans hat der Versuchung nicht widerstehen können, den Philosophen, dessen System die Liebe unmöglich macht, weil es dieselbe bei der Wesenseinheit aller Dinge nur in eine Liebe des Liebenden zu sich selbst, also das Suchen des andern in ein Suchen seiner selbst im andern verwandelt, in Liebesbanden zu schildern, um jenen häßlichen Fleck des Systems wenigstens aus dem Bilde des Menschen hinwegzuwischen. Dann hätte die unverdiente Kränkung, welche Spinoza durch seine Zurücksetzung erlebt, wenigstens den Schein her geliehen, als trüge sie Schuld an der Gleichgültigkeit seiner Philosophie gegen Affecte der Liebe wie des Hasses. Aber auch diese'wie jener eingestandene Egoismus seiner Philosophie sind nur die notwendigen logischen Folgen seines Substanzbegriffs, mit dein sie so unzerreißbar Zusammenhängen wie die letzten Sätze der Euklidischen Geometrie mit den erstell Definitionen. Olympia's Gunst hätte daran so wenig zu ändern, wie deren Ungunst dieselben heraufzubeschwören vermochte." Wir haben das Urtheil Zimmermann's in seiner Breite hier wiedergegeben, weil uns die Urtheile über Auerbach's „Ghetto-Geschichten" vor: besonderer Bedeutung erscheinen für diese Blätter, welche sich mit den Interessen des Judenthums befassen. Wir aber können nicht sagen, daß wir von Zimmermann's Urtheil befriedigt sind. Er behandelt irr Spinoza namentlich nur einen Punkt, das Verhältnis Spinoza's zu Olympia. lieber alles andere geht er schweigend hinweg; für uns hingegen hat die Vorgeschichtedie Darstellung der Seenen aus der spanischen Inquisition, wenn nicht ein noch höheres, mindestens ein ebenso großes Interesse als die Darstellung der Geistestampfe des eigentlichen Helden. Aus welchem Grunde ferner Zimmermann den „Ephraim Kuh" als die erste größere Arbeit Auerbach's behandelt, ist uns unbegreiflich, da doch „Spinoza" mindestens um zwei Jahre früher erschien, nämlich im Jahre 1637. Auerbach lebte zu jener Zeit in Frankfurt a. M., wohin er sich im Frühling 1836 begeben hatte, und beschäftigte sich daselbst mit kritischen Arbeiten für Lewald's „Europa". Im Jahre 1810 vertauschte Auerbach seinen Aufenthaltsort wieder, er ging nach Bonn, bald darauf nach Mainz, und in diesen und andern rheinischen Städten vollendete er seine Uebersetzung von Spinoza's sämmtlichen Werken (Stuttgart 1841). Interessant ist es wol, daß, während man von der einen Seite Auerbach's Roman „Spinoza" als eine (^ua8i-Einleitung zu der Uebersetzung der Werke des Philosophen ansieht, andererseits wieder diese Uebersetzung, wie z. B. von Zimmermann, als eine große Vorarbeit zu der psychologischen Biographie des Philosophen betrachtet wird. Auerbach hat übrigens den sämmtlichen Werken eine philosophischkritische Lebensgeschichte Spinoza's vorangeschickt, und der Leser, der sich für den Helden näher interessirt, wird gut thun, beide zu lesen, um jede der Darstellungen unabhängig voneinander würdigen zu können. Nachdem Auerbach, das einfache Dorskind, mit diesen Leistungen sich zu jener Höhe emporgeschwungen hatte, die wir früher als die Stufe der Reflerion bezeichneten, regte sich in ihm seine eigentliche Natur, der in ihm schlummernde Genius erwachte, und von dieser Höhe der erklommenen philosophischen Bildung aus drängte es ihn, wieder hinabzusteigen zu seinem lieben Nordstetten, zu dessen schlichten Bewohnern, und die volle Brust frei und ungehindert diejenigen Töne austönen zu lassen, die ihm aus der goldenen Kinderzeit her in der Seele schliefen. Von dem Uebersetzer des „Spinoza" zu dem Erzähler des „Tolpatsch" ist freilich ein großer Sprung, aber dieser Sprung ist nur scheinbar, dazwischen liegt eine Brücke, und sowol innerlich als äußerlich ist die Verbindung aufzuweisen. Innerlich ist es die Besinnung des sich selbst erkennenden Menschen, nachdem er die geistigen Kämpfe, die er bisher dargestellt, in sich selbst erlebt (denn man kann keinen Spinoza übersetzen, noch weniger ihn darstellen, wenn die Räthsel des Daseins nicht auch in der eigenen Brust sich drängen und nach Lösung fragen), äußerlich aber besteht diese Brücke in einigen Darstellungen, in denen eine Vermittelung der abstracten Philosophie und der Poesie angestrebt wird. Hierher gehören die in Art der Platonischen Dialoge gehaltenen Erzählungen: „Liebe Menschen" und „Was ist Glück?", welche in das Jahr 1841 fallen. Gegenwärtig kann man diese, damals in Zeitschriften zerstreuten Publicationen in der Sammlung „Deutsche Abende" wiedersinden. Weiter ist hierher zu rechnen: „Der gebildete Bürger, Buch für den denkenden Mittelstand" (Karlsruhe 1842). Mit diesem Büchlein trat Auerbach als Volkslehrer auf, eine Richtung, auf die bei Betrachtung des „Gevattersmannes" noch zurückzukommen ist. Es fehlte dem Verfasser nicht an Anerkennung für die mit der eingeschlagenen Richtung an den Tag gelegten Bestrebungen. Im Winter 1844 wurde der Verfasser des „Gebildeten Bürger", welches Büchlein in verschiedenen Bildungsvereinen als Unterlage für Vorträge eingeführt worden, in Frankfurt am Main in öffentlicher, festlicher Feier zum Ehrenmitglied des „Vereins