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Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums · 1866-03-01 · Heft 6 (März 1866) · p. Seite 438

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Journal
Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
Volume
II. Band (1865-1866)
Issue
Heft 6 (März 1866)
Date
1866-03-01
Page
Seite 438 (sequence 38)
Language
German
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438 Zllustr. Monatsh. für die ges. Interessen des Judenthums. mung des Philosophen, der sich die Erreichung! der Klarheit über sich selbst und das Wesen; der Dinge zur Lebensaufgabe macht, welche ' für den gewöhnlichen Menschen unter dem < Rausch des Alltagslebens ewig verborgen! bleibt, ist dann erfüllt, wenn jene Klarheit i des Geistes, welcher sich selbst und die Welt ' wie aus der Vogelperspective schaut, einmal! eingetreten ist. Spinoza kann nicht wie ein Alltagsjude an dem Eonflict des Judenmit ' den: Christen- und reinen Menschthum vorüber, ' er soll jedoch auch nicht wie ein gefühlvoller aber unklarer Schwärmer an demselben untergehen, er muß vielmehr als Denker sich über denselben in die geläuterte Atmosphäre wissenschaftlicher Erkenntniß erheben. In dem Augenblick daher, da er reif genug ist, jene Werke zu schreiben, in denen er das Resultat seines durchdringenden Nachdenkens als ein fertiges System für uns niedergelegt hat, in diesem Augenblick ist die psychologische Biographie zu ihrem künstlerisch gebotenen Abschluß gelangt, wenn auch die historische sich noch bis zu dem physischen Ableben des Philosophen sortsetzen mag. Die Aufgabe der erstern kann es Nichtsein, die äußeren Lebensereignisse des Menschen Spinoza möglichst urkundengemäß chronologisch zu verzeichneil, sondern, so gut sie es vermag, von der fertigen Seelenstimmung, aus welcher Spinoza's Philosophie entsprang, auf die Genrüthsvorgänge und Denkprocesse zurückzuschließen, welche jener begründend vorangegangen sein müssen oder doch könnten. Wie der Geschichtschreiber und Naturforscher ein äußeres Ereigniß aus äußern, so baut der psychologische Biograph ein inneres aus innern Ursachen auf. Wie jene beiden zu diesem Zweck auch Hypothesen nicht verschmähen, ja wo gewisse Erscheinungen unzweifelhaft vorliegen, in ihnen eben die Berechtigung erblicken, gewisse andere nicht vorliegende zu deren Begründung vorauszusetzen, so muß es auch dem psychologischen Biographen wol unbenommen bleiben, gewisse innere Vorgänge im Geiste seines Helden als einmal dagewesen anzunehmen, wenn in ihnen eine Hülfe liegt, einige unleugbar dagewesene als entstanden zu begreifen. Auerbach hat als einen solchen bekanntlich ein Liebesverhältnis; eingeführt, das er den jungeil Spinoza mit der schönen «Olympia», der Tochter des gelehrten holländischen Arztes van Ende, der ihn im Latein unterrichtet haben soll, unterhalten läßt. Er bedient sich desselben als eines Hauptmotivs, um seinen Helden aus den enggezogenen Schranken des anerzogenen Judenthums zu sreiern, allgemein menschlichen Anschauungen emporzuheben. Ja er gibt es (S. 34 der Vorrede seiner Uebersetzung der sämmllichen Werke Spinoza's, die dem Roman als langwierige und gewissenhafte Vorarbeit vorausging) sogar für nicht bloße "Erfindung» aus. "Es ist gewiß mehr», sagt er dort, «als eine bloße poetische Hypothese, wenn man annimmt, daß jenes Verhältnis Spinoza im Tiefinnersten aufgeregt und erweckt habe. Als Jude in jugendlicher Liebe zu einer Christin hingezogen, mußte er an den Scheidewänden rütteln, die theologische Satzungen und herkömmliche Sitte von beiden Seiten aufgestellt.» Diesen: Versuch, dem nüchternsten Denker, den die Geschichte der neuern Philosophie aufzuweisen hat, das romantische Motiv einer durch Eonfessionsunterschied unglücklich gewordenen Liebe unterzulegen, galt wol das Urtheil von Strauß, daß man «an diesem Spinoza des gemächlichen Belletristen der: Kopf des Philosophen vermisse». Wenn irgendein philosophisches System, so trägt jenes Spinoza's den Stempel an sich, daß es sich wieWie Geometrie, die ihm zun: Vorbild diente, von der Persönlichkeit des Philosophen unabhängig nach der innern Nothwendigkeit des zu Grunde gelegten Hauptgedankens entwickelt habe. Die antike Ruhe und Assectlosigkeit, die wir an dem Menschen Spinoza bewundern, ist wol die Wirkung seiner Philosophie aus seinen Geist, nicht diese der Ausfluß von jener. Jene Liebe, wenn sie bestand, mag einen tiefen Eindruck auf Spinoza's Gemüth, aber sie wird schwerlich einen auf seine Loaik hervorgebracht haben. Nach den neuesten Forschungen der Literaturgeschichte aber ist es mehr als wahrscheinlich, daß sie nicht einmal bestanden haben könne. Die Beschäftigung holländischer Gelehrten mit den Lebensumständen Spinoza's und van Ende's, deren Ergebnisse Lehmans in seiner Schriftg «Spinoza. Sein Lebensbild und seine Biographie». (Würzburg 1834) zusammengestellt hat, thut deren Unzulässigkeit dar. Elara M ariava n der: Ende, das historische Urbild jener schönen «Olympia», war im Jahre 1344 geboren und vermählte sich 1370 mit ihren: Bräutigam Kerckkring, der auch bei Auerbach erscheint. Baruch d'Espinosa dagegen erblickte am 21. Nov. 1332 das Licht der Welt und war um volle 12 Jahre weiter im Alter vorgerückt. Schoir um die Zeit seiner Ausstoßung aus der jüdische!: Gemeinde, im August 1303, da er 24 Jahre zählte, lebte er nicht mehr in Amsterdam, sondern seit längerer Zeit mehrere Stunden entfernt von der Hauptstadt auf dem Dorfe Ouwerkerk. Er kann also nicht wol um dieselbe Zeit, die damals elf- bis zwölfjährige Kleine, die Amsterdam nie verließ, zur Geliebten gehabt und wol noch weniger von dieser die Sprache der Römer erlernt haben. Spinoza's Liebesverhältnis; zur Tochter van Ende's ist daher wirklich «Erfindung»; es ist dem dichterischen Lebensbeschreiber nicht durch den Zwang der Geschichte auferlegt. Es kann seine Berechtigung, da zu sein, daher nur seinem psychologisch nothwendigen Zusammenhang mit dem Endergebnis; verdanken, mit dem philosophischen System, welchem der Denker Spinoza im Verlaufe des Buches entgegenreift. Ohne Zweifel haben zu diesem : Descartes und Euklid in einen: nähern Ver- . hültniß gestanden als jede noch so schöne; Jungfrau. Was bei einem Dichter, dessen - vollendetste Schöpfung doch immer das Werk

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