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Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums · 1866-03-01 · Heft 6 (März 1866) · p. Seite 437

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Journal
Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
Volume
II. Band (1865-1866)
Issue
Heft 6 (März 1866)
Date
1866-03-01
Page
Seite 437 (sequence 37)
Language
German
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437 Berthold Auerbach. bach nahm in seiner Schrift Anlaß, sich über diese Tagesfrage auszusprechen. Wenn er sich dabei nicht streng genug innerhalb der Grenzen dieses Themas hält, wenn er sich, über das begrenzte Gebiet hinausgehend, in Erörterungen einläßt, welche Beurteilungen das Judenthum von Freund und Feind erfährt, welche Stellung sich dasselbe von Geistlichen, Gelehrten, Politikern und Literaten anweisen lassen muß, so wollen wir ihm hieraus am allerwenigsten einen Vorwurf formuliren. Auerbach ist Jude, und es drängte ihn, eben seinen diesbezüglichen Anschauungen Ausdruck zu verleihen. Warum sollten wir hierbei streng aus die Firma sehen, ob die Jnnungsgesetze auch recht eingehalten und nicht um Haaresbreite überschritten wurden! Wenn aber vr. Steeger in seinem abfälligen Urtheil über diese Schrift sagt: „Soviel Seiten, so viel Collegienweisheit; soviel Zeilen, so viel falsch moderner Stil", so müssen wir uns diesem gerechten Urtheil nur anschließen, um so mehr, als wir in dieser Schrift gerade auch mit einen Beweis finden für unsere Behauptung, wie sich Auerbach durch die Reflexion hindurcharbeiten mußte, ehe es ihm gelang, zur Naivetät zurückzukehren und den schlichten einfachen Herzenston zu finden, womit später der Gevattersmann alle Welt entzückte. Mit der nächsten Publication betritt Auerbach eine eigentümliche Richtung, den Ghetto- Roman. Von jenen Produkten abgesehen, in welchen einzelne Juden hierund da als Staffage oder auch Helden des Ganzen verwendet wurden, und welche sich alle zwischen zwei Extremen „Nathan" und „Shhlok" in der Mitte halten, gab es vor Auerbach keine eigentliche Ghetto- Literatur. Nur Ein deutscher Dichter lebte, der hier das Richtige traf; leider aber können wir aus dem Fragment, das er uns geboten, mehr einsehen, was er auf diesem Gebiet hätte leisten können, als uns mit dem Gegebenen vollkommen zufrieden geben. Wir meinen selbstverständlich Heine und seinen „Rabbi von Bacharach". Prof. Robert Zimmermann spricht sich in einer Reihe von Artikeln über Berthold Auerbach („Oesterreichische Wochenschrift", -Jahrg. 1864, S. 322) bezüglich Heine's so aus: „Heine in seinem trefflichen Fragment «Der Rabbi von Bacharach», zeigte sich hier auch als der einzige wahre Dichter unter seinen Gefährten (Junges Deutschland), die vielmehr politische Schriftsteller waren. Er war auf dem besten Wege, den unendlichen Reichthum poetischer Motive, der in den realen geschichtlichen und gesellschaftlichen Verhältnissen der Juden gegeben war, zu einem vollendeten Kunstwerk auszubeuten, als ihn gerade seine politische Tendenzschriftstellerei verhinderte, seinem Ruhme als lyrischer auch noch den eines historischen Romandichters hinzuzufügen, wie deren, wenn das Ganze dem Bruchstück geglichen hätte, wenige Nationen sich hätten rühmen dürfen." Auerbach betrat nun die von Heine angebahnte Richtung mit zwei Werken. Ursprünglich sollte „Das Ghetto" ein ganzer Cyklus von aneinander gereihten Darstellungen werden. Doch schrieb Auerbach nur zwei Romane auf diesem Gebiet, und zwar „Spinoza" und „Dichter und Kaufmann". Vernehmen wir, wie sich der Zeichner des jüdischen Lebens selbst in der Vorrede zum „Spinoza" ausspricht: „Das jüdische Leben zerfällt nach und nach, ein Stück nach dem andern löst sich ab; darum scheint mir, daß es an der Zeit ist, Poesie und Geschichte und beide vereint feine Bewegungen im Bilde festhalten zu lassen." Wir müssen dem Verfasser das Zugeständniß machen, daß er diesen Zweck in beiden Darstellungen vollkommen erreicht hat. In „Spinoza" bildet der Conflict der freien Forschung mit der ererbten Satzung, in „Dichter und Kaufmann" (Ephraim Moses Kuh) der Conflict der freien Wahl des Berufes mit der väterlichen Bestimmung den Mittelpunkt des Interesses. Wir folgen nun der obengenannten Darstellung ZimmermamLs über diese beiden Werke. Er sagt: „Der Dichter hatte in beiden vor, eine poetisch-psychologische Ergänzung der historisch-begründeten Biographie zu liefern. Wurde durch diese zweifache Tendenz der Keim eines Zwiespalts zwischen Dichtung und Wahrheit in beide Werke gelegt, so gelang dessen Ueberwindung nicht in beiden in gleicher Weise. «Dichter und Kaufmann», der Zeit nach sein erstes größeres Werk, war ein formloses Erzeugnis eine Folge von einzelnen Studienblättern mehr als ein einheitliches Kunstwerk. Glänzende Schilderungen des jüdischen Familienlebens, das in der strenggläubigen Gemeinde des alterthümlichen Breslau um die Mitte des 18. Jahrhunderts ein noch ganz alttestamentarisches Gepräge trug, reform- und lichtfreundliche, ziemlich nackt auftretende Tendenz und mitunter nicht ohne Gewaltsamkeit eingestreute literarhistorische Würze durch die Hereinziehung von Lessing's und Mendelssohns Persönlichkeiten wogen unklar durcheinander. Der anfänglich breit und prächtig daherflutende Strom der Erzählung macht, je weiter gegen das Ende, desto mehr abgerissenen Cascaden Platz, um sich zuletzt refultatlos im Sande zu verlieren. Der bedeutende Conflict zwischen Juden-, Christen- und reinem Menschthum, auf welchen das Zeitalter des Helden wie die Tendenz des Dichters abzielt, kommt zu keiner Lösung; der halt- und thatlose Schwärmer für Geistesfreiheit und Humanität geht zuletzt in unheilbarer Melancholie zu Grunde. „Wird in diesem Roman das Ende durch den natürlichen Tod des Helden zwar gesetzt, aber ehe es durch den künstlerischen Gedanken des Ganzen gestattet wird, so hat dagegen der Dichter in seinem andern*) Roman es mit Recht vorgezogen, das Ende dort zu setzen, wo die ästhetische Aufgabe des poetischen Lebensbeschreibers geleistet ist. Die Bestim- *) Zimmermann schreibt: zweiten.

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