Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 6 (März 1866)
- Date
- 1866-03-01
- Page
- Seite 434 (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
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434 Jllustr. Monatsh. für die gef. Interessen des Judenthums. Juden Amnon Hause hätten die Mansche drei junge Herren ans Kreuz geschlagen, den Jmhof in die Mitte, den Nieter als rechten, den Muffel aber als linken Schächer. Dergleichen Aeußerungen wühlten die Neugierde der leichtgläubigen Nürnberger dergestalt auf, das; es quoll und quoll, wie der aufsprudelnde Quell eines warmen Brunnens fortwährend Blasen wirst, bis jedes Haus und Häuschen die Hese des Volks, die warmblütigen, heißstirnigen Bewohner ausgespien hatte. Die Straßen wimmelten bald von Tausenden, die bewaffnet nach dem bezeichneten Orte strömten. Schon war die Masse so angeschwollen, daß sie gedrängt bis hinauf zum Barfüßerktoster, zum Köpfleinsberg bis auf den Spitalplatz stand. An den Straßenecken wurden die Pechkränze in eisernen Pfannen angezündet und flimmerten ihre düstere Glut in die rabenschwarze Nacht hinein. Die Thürmer bliesen die Fähnlein zu den Waffen. Der Rath eilte auf Umwegen zur Sitzung, und endlich schlugen die Glocken an wie zu Sturm und Feuerlärm. Dumpfe Schläge tönten indeß vom Plobenhofe her wie Donner der Karrenbüchsen. Vor Amnon's Hause wurde alsbald das kürzlich eingeführte Straßenpflaster vom wüthenden Pöbel ausgerissen und die Steine gegen Thüre und Läden geschleudert; Geschrei aus tausend und aber tausend Kehlen verwirrte Sinne und Gedanken! Eine Studie Eduard Lulke. Nur die mathematische Kreislinie, d. h. die ideale, hat weder Anfang noch Ende, denn sie wird nicht werdend, nicht im Entstehen, sondern fertig gedacht. Die Kreislinie, die wir zur Versinnlichung der Figur mit dem Zirkel auf dem Papier sixiren, hat gar wol Anfangsnnd Endpunkt, aber diese beiden fließen so ineinander, daß man den einen vom andern nicht mehr zu unterscheiden vermag, sobald die Figur fertig ist. Das Leben eines jeden bedeutenden Menschen gleicht einer Kreislinie, nicht nur darum, weil sich das Leben für diesen immer mehr rundet und uns endlich als geschlossene Schönheit gegenüber steht, sondern auch darum, weit die Entwickelung, die ein solcher Mensch durchmacht, ihn in der Regel zu seinem Ausgangspunkte zurückführt und wir dann bei der Betrachtung eines solchen Lebens Ausgangs- und Endpunkt kaum mehr zu unterscheiden vermögen. Bei Berthold Auerbach, dessen Leben und künstlerisches Wirken wir hier in kurzen Umrissen zu zeichnen versuchen, wird sich dieser Kreislauf von der Naivetät durch die Reflexion hindurch und zurück zu der auf Grundlage echter Bildung in sich ruhenden Gemürhsausgeglichenheit jedem Leser seiner Werke von selbst offenbaren. Berthold Auerbach wurde in Nordstetten, einem Dorfe im Schwarzwald, am 28. Febr. 1812 geboren. Ich bin in meinem Leben niemals im Schwarzwald gewesen; aber indem ich den Namen Nordstetten niederschreibe, sehe ich dcks ganze freundliche Dorf vor mir äusgebreitet liegen, und mir ist, als brauchte ich da nur hinzugehen und ich müßte sie alle gleich erkennen, die Bauern und Bäuerinnen, die Buben und Mädle; nur ist's, als könnte ich sie alle beim Namen rufen und sie müßten hören auf meinen Ruf und mir freundlich Antwort geben. Der Dichter hat dafür gesorgt, daß uns der Schauplatz seiner Geburt recht lebendig vor das Auge trete, wie weit wir davon auch entfernt sein mögen. Wir finden hierin den Zug eines dankbaren Gemüths, abgesehen von den künstlerischen Motiven; andere erkennen irr solcher Ausmalung der Stätte, wo die Wiege des Dichters gestanden, bloße Eitelkeit. Auch gut, man kann es eben nicht allen Leuten recht machen. Auerbach ist von jüdischen Aeltern geboren und verlebte, von zehn Geschwistern umgeben, die schöne Kinderzeit in dem heimatlichen Dorfe, lieber die Einflüsse des Dorflebens auf den Knaben geben die uns vorliegenden biographischen Notizen („Jüdischer Plutarch", Artikel: Auerbach, Berthold, von IW. P., I.Bd., Wien, 1848; Meher's „Groschenbibliothek der deutschen Elasfiker", 216. Bdchn.; Meher's „Neues Conversations-Lexikon" in 15 Bdn, 2. Bd., S. 334; und endlich die ausgeführteste der uns zu Gebote stehenden: „Ergänzungsblätter", 8. Vd., 1. Hst., Artikel: Berthold Auerbach, von I)r. Friedrich Steeger) ipenig Anhalspunkte. Wir erfahren nur so viel, daß der Knabe anfangs die christliche Schule besucht habe, später aber von einem jüdischen Lehrer- Namens Leonhard Frankfurter unterrichtet worden sei, bis er, znm Theologen bestimmt, die Talmudschule zu Hechingen bezog, was nach dem einen mit dem Beginn des zwölften, nach den andern erst, als der Knabe das Alter von dreizehn Jahren erreicht hatte, der Fall war. Wenn wir uns eine Stelle in Auerbach's Roman „Neues Leben" (fünftes Buch, viertes Kapitel) vergegenwärtigen, welche lautet: „Die schönste Poesie ist oft nichts als ein Aufgraben des verschütteten Pompeji im eigenen klassischen, das heißt heir im Jugendleben ", so können wir einerseits einen Anhaltspunkt gewinnen, indem wir uns die Einflüsse des Dorflebens auf die Kinderzeit des Dichters aus manchen seiner Gestaltungen zu enträthseln suchen, andererseits aber müssen wir immer festhalten, wenn wir anders gegen die Phantasie des Dichters kein Unrecht begehen wollen, daß