Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 6 (März 1866)
- Date
- 1866-03-01
- Page
- Seite 433 (sequence 33)
- Language
- German
- Belongs to
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Die alte Synagoge der Juden in Nürnberg. 43? schen der Kaiser- und Adlerstraße) kam, war einer derselben bereits gestorben. Der andere Bader, welcher im Zachariasbad conditionirte, eilte über die A-b-c-Brücke nach Hause. Auf dem Saumarkt (Trödelmarkt) rösteten damals noch alte Weiber große Kastanien in eisernen Pfannen, fädelten sie wie einen Rosenkranz ein und verkauften das Ganze um einen Pfennig. Buben, weit nichtswürdigcr noch als die heutigen Bäckerbuben in Nürnberg oder die Schusterbuben in Wien, trugen die Kastanienkränze in Tücher eingewickelt, damit sie ^arm blieben, in kleinen Körben am Arm durch die Stadt und schrien dabei mit gellender Stimme: „Frische Kastanien! Bröihhäß!" Eben waren zwei dieser schwarzen Bande zurückgekommen und beschrieben gerade der Frau Täuberin, für welche sie liefen, den Auflauf, der: sie bei der Barfüßerbrücke gesehen, als der Bader wie ein Windhund vorüberschoß. „Halt!" schrie Frau Täuberin, „halt, Herr Doctor!" (eine Titulatur, mit deren Anwendung man sich noch heutzutage das Wohlwollen dieser Herren zu erwerben vermag). „Ihr könnt gewiß Auskunft geben über die seltsame Mär, die mir meine zwei Straßenrenner da überbrachten, denn Ihr wißt ja doch immer alles zuerst und am besten durch Euere vornehme Kundschaft, Herr Doctor Bimberlein." Der so geschmeichelte hielt augenblicklich an, schmunzelte wohlgefällig und klapperte in den Pluderhosen mit den Weißpfennigen, um welche er seinen Herrn bei Psuschkunden betrogen hatte. „Was denn, Frau Täuberin, was denn? Worüber verlangt Ihr Auskunft von mir? Ihr wißt, daß ich Euch jede Stunde zu allem bereit bin!" „Nun da seht, der Hannis da sagt, beim Plobenhofe hätten ein paar Edle, die sonst immer späte Gäste bei der Gugelwirthin waren und wol auch etwas mehr, derselben die Geige vom Halse gerissen, sie dem Stöcker entführen und in ein Judenhaus schleppen wollen. Der Jud aber Hütte alle zusammen aus dem Hause geworfen und die Thüre geschlossen. Hier aber der Kouerle (Konrad) sagt, es sei nicht so, der Jud habe die Edeln 'bei seiner Frau getroffen, habe sie hinausgepeitscht und die Gugelwirthin sei mit ihrer Geige dazwischen gekommen." „Wertheste Frau Täuberin", versetzte der eben Graduirte mit wichtiger Miene, „die beiden Jungen wissen die Sache ganz und gar nicht. „Mit dem Auflauf und dem Gassenspott (Spott heißt in Nürnberg soviel, wie Lärm, durch Beschimpfung verursacht, Spectakel) hat es allerdings seine Richtigkeit; daß die Gugelwirthin mit ihrer Geige dazwischen kam, ist ebenfalls wahr, aber im ganzen ist die Sache doch ganz anders und weit wichtiger. Hilberg's Jllustrirte Monatshefte. II, 6. — März 1866. Solche kleine Schlacken (Taugenichtse), solche unreife Lahmabatz'n (nürnberger Schimpfwort, ein Mensch aus Lehm oder Straßenschmuz) können freilich nicht wissen, was ich aus Junker Musfel's eigenem Munde vernahm, der mir aus dem Iudenhause an den Kopf flog. Ich hätte gewiß vierzehn Tage lang eine bedeutende Bremse an der Stirn tragen müssen, würde ich nicht meinen neuen Scherbeutel als Schild vor diese gehalten haben. „Der reiche Jude Amnon nämlich, den Ihr wol kennt, lockte durch sein Weib, die schöne Berl, den Junker Jmhof in sein Haus. Zwei Freunde desselben, Junker Rieter und Junker Muffel, denen er dieses Abenteuer vertraute, begleiteten ihn, um ihm in einer allenfallsigen Fährlichkeit beizuspringen, und blieben an der Ecke auf der Lauer. „Der edle Junker blieb den beiden zu lange aus, es wurde ihnen bang ums Herz, es ahnte ihnen, daß nichts Gutes dahinter stecke. Bon ihrer Besorgnis; getrieben, traten sie in das Haus, hörten ein Geschrei aus dem hintern Gewölbe und stürzten auf dasselbe zu. Kaum eingetreten, sahen sie, wie der Jud mit seinen Knechten Herrn Jmhof eben verkehrt ans Kreuz nageln wollte. „Sie hieben mit scharfer Wehre darein und befreiten ihn aus der höchsten Roth, wurden aber mit dem Misshandelten aus dem Hause hinausgeschlagen mit Schwertern und Stangen, wie sie einst den Herrn gefangen." „O ihr elftausend Jungsräulein!" schrie Frau Täuberin, „o heiliger Rochus, Sebastian und Sebald! Heiliger Lorenz auf deinem glühenden Roste! Solche Greuel könnt ihr dulden? Das fordert Rache an dem blutdürstigen Jud engeschmeiß!" „Allerdings, werthe Frau Täüberin, drum eile ich nach Hause, um mit einem andern Messer den Juden den Bart stutzen zu helfen. Die ganze Stadt versammelt sich bereits!" Mit diesen Worten eilte er davon. Frau Täuberin und alle andern kastanienbratenden Schwestern rappelten ihre Pfannen und Gerüche zusammen, um auch ihren Antheil an der zu hoffenden Burg er tust zu genießen, dann aber stoben alle wie Spreu vor dem Winde auseinander. Gleich anfangs hatte sich um die Sprechenden schnell eine Gruppe von Vorübergehenden gebildet, um von dem Bericht des Badergesellen so viel als möglich aufzufangen. Unter diesen Leuten befanden sich ein Pater» noftermacher, ein Wismuthmaler (der die Spielwaaren bunt bemalte) und ein Weißmacher (Spielwaarenverfertiger). Diese flogen nun über den Henkersteig am Unschlitt- und Weizenhause vorbei und theilten sich in die Lottergasse, hinter die Karthause und die sogenannte Jakobiterei (letzterer Stadttheil noch heutzutage durch die Roheit und andere übele Eigenschaften seiner Bewohner berüchtigt). Dort erzählten sie: in des 28