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Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums · 1866-03-01 · Heft 6 (März 1866) · p. Seite 435

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Journal
Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
Volume
II. Band (1865-1866)
Issue
Heft 6 (März 1866)
Date
1866-03-01
Page
Seite 435 (sequence 35)
Language
German
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Berthold Auerbach. 435 wir hiermit über die bloße Vermuthung nicht hinauskommen. Wenn wir uns z. B. die Knabenzeit Auerbach's ungefähr so vorstellen wollten, wie sie in dem Knaben „Ivo der Hayrle" gezeichnet ist, so hätte diese Vorstellung gewiß einige Wahrheit, denn einzelne Züge aus der eigenen Kinderzeit wird der feine Detailmaler wol in dieses schöne Bild hineingetegt haben; aber nur muß man nicht so weit gehen, zu meinen, daß man hiermit die ganze Wahrheit in der -Vaud habe. Um dies einzusehen, braucht man sich nur an den einen Umstand zu erinnern, daß der Knabe Auerbach schon frühzeitig Gelegenheit fand, in die dialektischen Künste des Talmud eingeweiht zu werden, und dies eine Moment reicht hin, den großen Unterschied klar zu machen. Doch scheint es uns nicht uneben, diejenigen Momente zusammenzustellen, welche hier auf ihn gewirkt haben können. Vor allem wichtig scheinen uns die Eindrücke, welche sich aus der Anschauung eines ruhigen, stillen und glücklichen Familienlebens ergeben. Auf einem Dorfe kennt jeder jeden; auf einem Dorfe sind die Häuser durchsichtig, wenn sie auch nicht aus Glas gemacht sind; man guckt da eben allenthalben hinein. Zweitens, die tägliche Anschauung der Feldarbeit und die stille Ahnung des Segens, welcher in solchem Schaffen ruht, und der beständige Verkehr mit lgroß und klein. Auf dem Dorfe ist das Kind einerseits mehr Kind, andererseits aber auch weniger Kind als irr der großen Stadt. Es ist mehr Kind, insofern es weniger Dinge der Außenwelt kennen lernt, es bewahrt mehr seine Ursprünglichkeit; indem es aber diese bewahrt, behält es sie auch und wird mit ihr ein Mann oder ein Weib, und der schroffe Gegensatz zwischen Fugend und Erwachsenen, wie wir ihn in Städten finden, hat auf dem Dorfe keinen Sinn, ist auch nicht nöthig. Es ist nur ein Weiterkommen, ein Wachsen, nicht aber ein Anderswerden. Alle diese Eindrücke spiegeln sich in Auerbach's Schriften hundertfältig, nach der Natur des gebrochenen Lichts freilich jedesmal in anderer Farbe. So verlebte der Knabe im älterlichen Haufe seine Jugendzeit, bis er zu dem Rabbiner an der Talmudschule in Hechingen in Pension gegeben wurde. Daß die Schilderung des Baruch Spinoza in der Talmudschule an Erinnerungen aus dieser Zeit anzuknüpfen ist, unterliegt wol keinem Zweifel. Wer eine Talmudschule aus eigener Anschauung kennt, begreift leicht, welchen Eindruck das Behandeln von talmudischen, casuistischen, juristischen, den Knaben oft nur halb verständlichen Fragen auf ein aufgewecktes Kind von lebhaftem Geist und Gefühl hervorzubringen geeignet ist. Es ist ein eigenes Ergötzen, sich in das Spiel dieser Fragen zu verlieren, und nicht gerade leicht, sich die gymnastischen Künste anzueignen, welche bei diesem Studium zur Anwendung kommen. Einer weichlichen Natur können solche Künste gefährlich werden, einergesunden Natur schaden sie gewiß nicht im geringsten, im Gegentheil, sie erprobt an ihnen ihre Kraft und Selbständigkeit. Zwei Jahre hindurch blieb der Knabe in Hechingen; hierauf ging er nach Karlsruhe, um die begonnene theologische Laufbahn fortzusetzen. Hier blieb er drei Jahre; aber in diesen drei Jahren vollzog sich in ihm der erste wichtige Proceß; er erkannte, daß der theologische Beruf seinen innersten Neigungen nicht entspreche. Er machte mit der lateinischen und griechischen Sprache persönliche Bekanntschaft und entschied sich für eine weltliche Thätigkeit. Wer erinnert sich hier nicht wieder an „Ivo der Hayrlc", der ja auch dem klösterlichen Zwange entspringt, um sich einer weltlichen Thätigkeit hinzugeben und in dieser Glück und Zufriedenheit zu finden. Im Frühjahr 1830 ging Auerbach von Karlsruhe nach Stuttgart, wo er die obern Klassen des Gymnasiums absolvirte. Entschlossen, sich „zur Nechtsgelehrsamkeit zu bequemen", besuchte er nach absolvirtem Gymnasium die Universität Tübingen. Doch die Juristerei vermochte ihn auf die Dauer ebenso wenig zu fesseln wie die Theologie. Er kehrte auch der Rechtswissenschaft den 'Rücken und ging unter die Philosophen. Zur Philosophie wurde der strebende Jünger der Wissenschaft durch David Strauß hingezogen; bei diesem hörte er Geschichte der Philosophie und ein Collegium über platonisch-aristotelische Doctrinen, und hier fand er auch Befriedigung. Der sinnige Erzähler der Dorfgeschichten, der vor kurzem seinen .54. Geburtstag gefeiert, dürfte heute wol noch so manche Frage des Weltdaseins offen haben, die der eifrige Student in Tübingen zu Anfang der dreißiger Jahre für beantwortet hielt. Genug, er war damals befriedigt, und so wurden die philosophischen Studien denn in München und zuletzt (1834) in Heidelberg bei Lchelling, Daub und Schlosser fortgesetzt. Nun sind sie hingegangen und haben ihn eingesperrt, denAuerbach nämlich,und warum? Weil er ein Bursche war. Das war damals ein großes Verbrechen, ein Bursche zu sein, und deshalb steckten sie ihn auf den Hohenasperg. Die betreffende Stelle bei 1K-. Steeger lautet: „In der Zeit, als Auerbach Student wurde, hatte die deutsche Burschenschaft einen neuen Aufschwung genommen, neun Zehntheile der strebsamen Jugend der Hochschulen gehörten dieser Verbindung an, die im kleinen ein Bild des verjüngten Deutschlands sein wollte. Die Bundestagsbeschlüsse, zu denen Sand's That den Anlaß gegeben hatte, bestanden noch in Kraft, die Reden und Verabredungen des Hambacher Festes bereicherten den deutschen Strascodex um einige Paragraphen mehr, und nun kam der tolle frankfurter Aufstand und nach ihm ein wahres Ungeheuer von politischem Proceß. "Burschenschaft ist Burschenschaft!" nach diesem ältern Ausspruch des bekannten von Kamptz wurde die Untersuchung geleitet. Die entferntesten Theilnehmer, alle, die jemals Mütze und Band mit den deutschen Farben getragen hatten, wurden als Ver- 28*

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