Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 6 (März 1866)
- Date
- 1866-03-01
- Page
- Seite 432 (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
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432 Jllustr. Monatsh. für die ges. Interessen des Judenthums. Der erstere, seine Frau in solcher Bedrängniß erblickend, rief mit aller Kraft seiner Hellen gellenden Stimme: „Jekuf, Mosche, herbei! Ascher zu Hülfe! Zu Hülfe! Rettet mein Weib, mein Kleinod aus den Händen der Aussätzigen und Sadducäer!" „Was?" schnaubte Muffel, „Aussätzige nennt uns der Hund, den soll ja gleich das mögeldorfer Donnerwetter!" Nasch flog die Wehr aus der Scheide, aber ebenso schnell fühlte er sich von hinten umfaßt und jene sich entrissen. Die Waffe flog in eine Ecke, er selbst wie ein Flederwisch vor die Thüre. Es war der Knecht Ascher, der diese Verrichtung so blitzschnell ausführte. Eben suchte er nach deyr Schwert, um es seinem Träger nachzuwerfen, als der andere Patricier, Junker Nieter, dem ersten nachflog. Mosche von Linz, der erste Knecht, ein baumstarker, breitschulteriger Mann von 30 Jahren, hatte ihn unterlaufen, in die Arme gefaßt und nicht eben sanft vor die Thüre gesetzt: ' Jekuf Semmelkind, der dritte gerufene, verehrte seine schöne Herrin wie ein höheres Wesen; er war ein rauhes, kräftiges Gemüth, tiefverletzt durch die Schmach seines Volks. Eben trat er ein, als Berl ohnmächtig aus Jmhof's Armen auf der Treppe niederglitt, und fuhr wutschnaubend wie eine gereizte Dogge hervor. Das schwarze, zottige Haar, in ungeordneter Masse um Wangen und Stirn fliegend, sträubte sich zu Borsten, die stark aufgeworfenen Lippen schienen noch mehr anzuschwellen, der Geifer trat wie Gischt der sturmbrandenden See vor die weißen Zähne. „Was gibt's, Meister?" schrie er mit Löwenstimme. „Die Gohim, Jekuf! Meine arme Berl!" „Was, Gohim? Gannes!" schrie er dazwischen. „Was will der mechure Taure? Hinaus mit ihm!" Mit diesen voll Grimm hervorgestoßenen Worten packte er Jmhof um den Leib und warf ihn den beiden andern, die eben ihrem Freunde zu Hülfe eilen wollten, dergestalt auf den Leib, daß sich alle drei im Straßenschmuz wälzten. Die Thüren wurden dann geschlossen, die Läden verriegelt und das Haus verwahrt. Die Straße hatte sich unterdessen merkwürdig belebt. Vom Ende derselben nämlich bewegte sich ein sonderbarer Zug, welchen ich später beschreiben werde; nur so viel sei hier bemerkt, daß der des Weinfälschens angeschuldigte Wirth zur „Blauen Gugel" nebst seiner Frau unter dem Geleite einer unabsehbaren Volksmenge und dem Jubel der Straßenjugend auf Befehl des Raths von dem Scharfrichter unter Beobachtung verschiedener erbaulicher Ceremonien durch die Stadt geführt wurde; drei Tage nacheinander mußte der Umzug stattfinden. Für heute nun war das interessante Schauspiel beendigt und der Conduct kehrte eben nach dem Lochgefängniß zurück. Ein ungeheuerer Schweif von Gassenjungen, Neuigkeitskrämern, Badergesellen und schreiendem Pöbel zog hinter ihm her; da flogen die drei Junker aus Amnon's Thüre. Ein Geschrei, ein Aufbrausen, Fragen, Lachen zog viele aus den nahen Judengassen herbei, die sich bereits mit Neugierigen angefüllt hatten. Einer frug den andern, was es gäbe, und bald brauste es weiter und weiter die Straße entlang wie der Wasserfall eines mächtigen Stromes. Der Zug sah sich, in die Mitte dieser Menge gekeilt, gezwungen anzuhalten, und diese wurde immer dichter, weil die hinten Stehenden doch auch wissen mußten, um'was es sich vorn handelte. Die Blaugugelwirthin vergaß den Scharfrichter an ihrer Seite und trocknete mit ihrer Schürze dem Jmhof und Nieter die beschmuz- Len Wämser ab. Diese beiden Patricier schnitten Gesichter wie begossene Hunde, Musfel hingegen hatte das Baret aufs rechte Ohr geschoben, das breite Maul weit ausgerissen, die gelben Fänger gefletscht und demonstrirte nun eben zweien Badergesellen, die mit rothplüschenem Scherbeutel unter dem Arm vor ihn: in respectvoller Haltung standen, den Vorfall auf eine gänzlich von der Wahrheit abweichende, für ihn vortheilhafte Weise; dabei flog ein mögeldorfer Donnerwetter um das andere über die breite Unterlippe des Erzählers. Der Nottmeister schrie um Platz zum Durchzug. Meister Franz, der Scharfrichter, riß die Wirthin an dem um ihren Hals befestigten Strick zwischen die zwei Stadtknechte, und als alle Bitten und Ermahnungen das Volk nicht bewegen konnten, Platz zu machen, sprang des Abdeckers Knecht von seinem alten Schimmel und schwang die Knotenpeitsche. Nun stürzte alles mit Geschrei zur Seite, denn keiner wollte von des unehrlichen Knechtes Peitsche mit einem entehrenden Schlag getroffen werden. Muffel's mögeldorfer Donnerwetter, des Rottmeisters Stentorstimme, welche Platz im Namen des Naths begehrte, der Gugelwirthin Belfern über Meister Franzens grobe Behandlung, vermischt mit der wohlerzogenen Straßenjugend betäubendem Gelärm, Geheul und Gejohle, verursachten ein solch Gebrause, Gezisch und ohrenzerreißenden Lärm, daß man glaubte, sich beim Thurmbau zu Babel zu befinden. Der Zug verschwand aus der Gasse und mit ihm die Badergesellen. Schnell wie ein Lauffeuer des damals eben eingeführten Schießpulvers verbreitete sich die Neuigkeit durch alle Gassen und Gäßlein, die sich durch die weite Stadt wie Polypenarme schlängeln, und wuchs in ihrem Laufe riesenhaft. Bei der „Fleischbank" erzählte einer der Badergesellen, daß der Jude Amnon drei Nathsherren verwundet habe; bis er aber zum Köpfleinsberge (einem Verbindungsplatz zwi-