Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 6 (März 1866)
- Date
- 1866-03-01
- Page
- Seite 430 (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2417805-2417813-2417819--952-2418797- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
430 Jllustr. Monatsh. für die gef. Interessen des Judenthums. merkten Orte als die andern Judenhäuser, nicht weit von der Barfüßerbrücke (jetzt Museumsbrücke). Amnon lieh wie alle seine Glaubensgenossen auf Pfänder, trieb aber dabei auch einen Materialwaarenhandel ins Grosze, damals ein sehr einträgliches Geschäft, denn nur wenige verstanden es, und ein Christ würde sich lange besonnen haben, ehe er Schwefel, Arsenik, Vitriolöl, Terpentinöl, Grünspan u. s. w. verkauft hätte, denn der Pöbel, dessen geistiger Zustand noch lange vom Dunkel des Aberglaubens und Vorurtheils umnachtet war, würde ihn ohne Zweifel wie einen Excommunicirten geflohen haben, wenn er mit dergleichen Maaren Handel zu treiben Miene gemacht hätte. Die Noth war dringend, welche diese drei Herren in ein Juden Haus führte, aber dennoch würde keiner derselben bei Hellem Tage über Amnon's Schwelle getreten sein; jetzt am späten Abend dagegen, zu einer Stunde, wo die Neugierde alles in die Hellern Gassen zog, konnten sie unbemerkt im Schatten der hohen Häuser dahin gelangen. Ein Diener führte die Eintretenden nach seines Herrn kleiner Schreibstube über den breiten Hausgang im Erdgeschoß; in diesem lagen bis an die Decke hinauf Ballen und Kisten aufgeschichtet, das Stübchen aber war reinlich und bequem ausgestattet. Die eisernen Laden waren geschlossen, und die Lampe beleuchtete die ernstfreundlichen Züge des reichen Amnon, der seinen ledernen Lehnstuhl verließ und sogar, das schwarze Lederkäppchen rückend, den Herrn mit den Worten entgegentrat: „Gottes Wunder, was für ein vornehmer Besuch! Wollen die edeln Herren vielleicht das Laubhüttenfest in der Nähe besehen, bei Ihrem Knechte Amnon, sind sie höflichst eingeladen." „Nein", antwortete Nieter, „da irrst du dich, Jude! Auch scheint mir das Fest bei dir in keinem sonderlichen Ansehen zu stehen, denn weder Hütte, Blumengewinde noch Laternen verkündigen es in deinem Hause." „Deswegen", erwiderte Amnon, „dürfte mein Fest, so einfach es auch wird gehalten und so Prunklos mein Haus auch scheint, vielleicht doch den edeln Herrn mehr behagen als die Lichtlein hinter buntbemalter Leinwand. Ich liebe nicht lautes Gepränge und genieße die Freude gern füll mit meinen Hausgenossen." „Jeder nach seiner Art", meinte Muffel, ich liebe das Gedränge zwischen den Chörlein. Aber daß die schönste Zeit nicht mit Geplauder vorübergeht, mach' fort, bringe die Hutschleife her, die ich vergangenen Montag bei dir verpfändete. Hier ist das Geld." „Edler Herr", sprach Amnon, verlegen die Hände reibend, mit einem Blick auf den strotzenden Beutel von feinem, mit Gold und Seide gestickten Schafleder, welchen Muffel von der Dolchkette losnestelte, „edler Herr, so sehr mich erfreuen muß Euere Pünktlichkeit und so wahr ich zu keiner Stunde verschmäh' zu ernten einen redlichen Gewinn, so kann ich Euerm Wunsche doch nicht willfahren. Der Schabbes hat schon angefangen, und da befleckt sich kein gläubiger Israelit mit dem Sündenwecker — Gold." Nieter blickte ängstlich auf Muffel, der in seiner hastigen Art schon die Brauen zusammenzog und die breite Unterlippe klaffend vorschob, sodaß die ziemlich gelben Fänger aus seiner eckigen Kinnlade drohend hervorblickten. Schnaubend stieß er die Worte heraus: „Ohne Umstände, Jud', mach fort und bring' mich nicht um meine Geduld, die ohnehin nicht von besonderer Haltbarkeit ist. Die Schleife muß ich haben, die gehört nicht mir, sondern dem braven Jungen da, dem Nieter. Am verwichenen Sonntage verlor er die Summe im Bretspiel auf der Schenke im Schießgraben, und weil Mos es und die Propheten ausgezogen waren, suchten wir sie bei ihren Glaubensgenossen wieder zu erwischen. Die Hutschleife war der Schlüssel zur Bundeslade, die deinen höchsten Gott ververwahrte. Aber nun heraus damit! Der alte Herr darf die Schleife am Sonntage beim Kirchgang nicht am Hute vermissen, sonst möchte dem braven Jungen da mancher lose Streich, den er aus Gutmüthigkeit beging, übel angerechnet werden. Mach' fort! Unsere Schuld ist es nicht, daß wir so spät kommen, die Goldgülden kamen auch nicht eher als heute früh. Solche Dinge Pflege ich gerne persönlich abzumachen,, und doch kann es ein christlicher Edler und Patriciersohn nicht wagen, am Tage eine euerer sckmuzigen Raubhöhlen, euerer düstern Spelunken zu betreten, ohne sich wie in des Fallmeisters Hause auf ewig zu besudeln. Deshalb mußte das Zwielicht abgewartet werden." Während die Unterhaltung in ähnlichem Ton fortgesetzt wurde, hatte sich die dritte, bisher stumme Person, der junge Jmhof, aus den weiten Vorplatz hinausgeschlichen. Er konnte vermuthen, daß nach diesem Eingänge wol noch einige Zeit verstreichen würde, bis sie sich über Zins und Leihlohn geeinigt Hütten, und suchte sich daher die Zeit auf angenehmere Weise zu vertreiben. Jmhof hatte nämlich die schöne Verl, Amnon's junge Gattin, mehreremale aus dem Hause ihres Mannes treten sehen, um Einkäufe zu machen oder spazieren zu gehen. Zwar hatte er nie Gelegenheit gehabt, sie anders als eingehüllt in einen schwarzen Mantel, in der entstellenden Tracht zu erblicken, welche um jene Zeit die israelitischen Frauen zu tragen gezwungen waren, aber durch den schwarzen Schleier mit handbreiter blauer Bordüre hatte er Züge schimmern sehen, welche sein jugendliches Blut entzündeten. Nun herausgetreten auf die Flur, die nur spärlich von einer Lampe in der großen Hornlaterne beleuchtet war, träumte er wachend von der schönen Jüdin, und unwillkürlich entstand der Wunsch in ihm, dieselbe jetzt, wo