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Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums · 1866-03-01 · Heft 6 (März 1866) · p. Seite 429

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Journal
Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
Volume
II. Band (1865-1866)
Issue
Heft 6 (März 1866)
Date
1866-03-01
Page
Seite 429 (sequence 29)
Language
German
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Die alte Synagoge der Juden Ln Nürnberg. 429 darin auch die löbliche Reichsburgerschaft mit ihrem hochweisen und fürsichtigen Rathe, ihren vielen Sonderbarkeiten, lächerlichen Vorurtheilen, und was die Hauptsache ist, ihrer unbezwinglichen Neugierde, Klatschsucht und selbstgefälligen, unfehlbaren Spießbürgerlichkeit getreulich abspiegelt. Das betreffende Werk wurde von einem alten nürnberger Buchhändler verlegt und ist wol wenig über die Mauern der guten Stadt hinaus bekannt geworden, wie dieß;a das Schicksal der meisten in Nürnberg verlegten Bücher ist; es sei mir deshalb gestattet, den zahlreichen Lesern dieses Journals Auszüge aus demselben, mit zeitgemäßen Verbesserungen versehen, am Schluß dieses und. der folgenden Abschnitte beizufügen, einestheils, um die vorangehende wissenschaftliche Abhandlung mit einem Commentar zu versehen, anderntheils aber, um dem Streben unserer Zeit nach populärer Darstellung Rechnung zu tragen. Wie bereits oben gesagt, stand die Synagoge an der nämlichen Stelle, auf welcher sich jetzt die Marienkirche befindet, das heißt gerade vor dem Platz, welcher heutzutage als Verkaufsort für alle Arten Gemüse, Geflügel und andere Lebensmittel dient und der „Grüne Markt" genannt wird. Auf diesen: weiten Raun: liefen nun bis zum Jahre 1350, um welche Zeit sie abgebrochen werden mußten, drei Reihen von Häusern hin, die zwei ziemlich weite Gassen bildeten, deren Hintergrund die Mauer der Synagoge schloß. Beide Gassen waren nur von Juden bewohnt. Seltsam war die Bauart, abenteuerlich und wunderlich gemischt. Zu den Hausthüren gelangte man nur über einige Stufen, neben diesen sprang ein Kellerhals ziemlich weit in die Gaffe vor, welcher dem Gigenthümer des Gebäudes als Gewölbe und Waarenlager diente. Auf demselben prangte, angebaut an das untere Stockwerk, das Lieblingsplätzchen, ein Chörlein auf schlanken Säulen, in morgenländischem Geschmack, äußerst bunt mit ziemlich feurigen Farben bemalt. In den Ruhestunden saß hier der Hausherr; an Sabbat- und Festtagen wurde darin getäfelt; am Laubhüttenfest aber nahm man das leichte Dach ab, steckte und flocht grüne Zweige zwischen die Sparren und hing Blumenguirlanden und bunte Laternen darin auf. An solchen Abenden fehlte die Masse neugieriger Nürnberger, welche noch heutzutage aus hoch und niedrig, reich und arm, alt und jung, männlich, weiblich und sächlich, kurz aus allen Schichten, aus jedem Alter und Geschlecht in unglaublicher Anzahl, selbst bei den geringfügigsten Begebenheiten oder Neuigkeiten zum Zusehen oder Zuhören bereit sind, selbstverständlich nicht; Scharen aus allen Theilen der Stadt wogten, verstärkt durch die zahlreichen und nicht weniger wißbegierigen Bewohner der Vorstädte, zur Zeit des Laubhüttenfestes nach den Gassen der Juden, um hier zu — sehen und sich so laut als möglich ihre Ansicht über die mehr oder weniger prächtige Ausstattung der Häuser mitzutheilen, wobei sie erstaunlich pfiffige Gesichter machten und sich nicht wenig Mühe gaben, so witzig als möglich zu erscheinen. Dieses Bestreben scheint sich übrigens so auffallend in den Gefichtszügen der neugierigen Nürnberger und besonders in dem ungewöhnlich weiten Oeffnen ihrer Augen, geistigen und körperlichen, abgespiegelt zu haben, daß die der deutschen Sprache unkundigen, in der Stadt anwesenden Italiener, als sie die vielsagenden Gesichter und lauten Ausrufe jener Leute bei dieser und andern Gelegenheiten wahrnahmen, nothwendig eine hohe Meinung von deren merkwürdigem Witz und > ungewöhnlichem Scharfsinn bekommen mußten; wenigstens scheint dies das damals entstandene und lange nachher noch in Geltung gebliebene Sprichwort zu beweisen: „(Ui 3?6cle8eüi 80no eieeüi, Uiori eüe ^oriniberAa. üa un oeeüio!" ote. sowie das daraus entsprungene deutsche: „Der Venetianer Macht, Der Augsburger Pracht, Der Strasburger Geschütz, Der Nürnberger Witz, Der Ulmer Geld, Seynd weitberühmt in aller Welt!" Der Sonderbarkeit wegen will ich hier auch noch den Ausspruch eines übrigens sehr gelehrten Mannes, des Professors der orientalischen Sprachen an der Universität Altdorf und 'lnr>8 ntrin8liao I)r. Joh. Christoph Wagenseil, der am Anfang des 18. Jahrhunderts lebte, anführen, welcher wol manchem meiner Leser ein Lächeln abgewinnen dürfte. Wagenseil schreibt: „Wir müssen annehmen, daß die Juden (Nabbinen), welche ehedem in Nürnberg wohnten, auch 1heil an dem so verrufenen «Nürnberger Witz» gehabt haben und im Vergleich zu den Juden anderer Städte gar scharfsinnig und klug gewesen seien." Und warum? — weil die schwierigen Stellen in der Gemara auf den Polnischen Akademien „Nürnberger" genannt wurden! Vermag man wol etwas ungereimteres zu erdenken, als die hohe Gelehrsamkeit der durch ihren Scharfsinn berühmte» „Rabbinen von Nürnberg" mit dem „Nürnberger Witz" vergleichen oder gar als einen Theil dieses letztern betrachten zu wollen? Aber kehren wir nun zu unsern am Laubhüttenfeste nach den Judengasfen strömenden Nürnberger?: zurück. An einem solchen Abend, und zwar im Jahre 1295, wo schon hin und wieder in den Lauben eine Laterne angezündet wurde und sich bereits Gruppen von Müssigängern und Gaffern bildeten, traten drei junge Patricier in das Haus des reichen Juden Amnon von Freienstadt. Dieses Haus lag an einem weniger be-

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