Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 6 (März 1866)
- Date
- 1866-03-01
- Page
- Seite 419 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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vr. Eduard Kley. 41S Einen Tag nach Tischeb'ow erwies man Gumpel die letzte Ehre. Die letzte Ehre! Es ist fraglich, ob ihm zu Ehren, oder weil die^Todtenbestattung eine so große Mizweh ist, die ganze Khille bei der Lewajeh gewesen ist, denn nicht jene Stimmung war auf den Gesichtern zu lesen, welche Theiluahme verräth, sondern Entsetzen über ein erfülltes Strafgericht. „Einem jeden Posche Jisrol soll es so gehen, wie es ihm ausgegangen ist", sagte Bärl Lederer auf dein Rückwege zu Reb Sawel Korumehl mit starker Beziehung. Bärl Lederer gehörte nicht zu jenen affectirteu Menschen, welche in jedem ihrer Worte reines Gold erblicken und, um ihrer Rede mehr Nachdruck zu verleihen, man möchte sagen, mit unterstrichenen Wörtern reden. Diesmal aber hat er seinen Wunsch Reb Sawel gegenüber so kräftig betont, daß dieser über die Absicht nicht in Zweifel bleiben konnte. Er sah dies als eine Herausforderung an und sagte: „Reb Bär, ich weiß sehr gut, wen Ihr meint, aber Ihr thut sehr unrecht." „Wen ich mein', inein' ich", antwortete dieser. „Excusiren ist todtschad! Gebt mir die Hand darauf, daß meschiige Feiwele Tiscbebvw nicht gegessen hat!" „Wo zu das?" erwiderte Reb Sawel; „aber es ist doch ein Unterschied. Ihr werdet ihn doch nicht mit Gumpel vergleichen, der, es soll ihm kein «Gnai» (Schande) sein, ein großer «Amhorez» (unwissend) gewesen ist." „Vergleichen", entgegnete Bärl Lederer, „meinetwegen soll Feiwele ein «Lamden» (Gelehrter) sein. «Die Lamdonim» (Gelehrten) werden noch herausbringen, man darf Jomkipper auch essen. Wer weiß, was sie für sich alles wissen und wollen es uns nicht aussagen." „Jetzt", sagte Reb Sawel, „haben Sie den Nagel auf den Kopf getroffen. Es ist ein Unterschied zwischen dem, was einer weiß, und dem, was er sagt. Uebrigens aber war die Schul' baufällig, und die ganze Khille kann für diesmal von Glück sagen; es ist wirklich ein «Neß» (Wunder) geschehen, und wir dürfen, einer wie der andere, «Goimel benschen» (ein Dankgebet verrichten)." „He, he", lachte Bärl Lederer, „und Sie meinen, wenn man zu derselben Zeit in Schul' «Wajechal» geleint hätte, sie wär' ebenso gut eingefallen, weil sie barlfällig war; als wenn unser Herr Gott sich auf die Baukunst nicht besser verstehn möcht' als wie unsereiner; er ist ein besserer Baumeister." „Reb Bür," sagte darauf Reb Sawel mit fürchterlichem Ernst und blieb stehen, sodaß sich ein ganzer Kreis der Heimwürtsgehenden um ihn versammelte, „hört mich an, hört mich aber gut au, was ich Euch jetzt sagen werde. Ihr haltet Erich für einen frommen Menschen. Ihr seid es auch. Aber gegen Feiwele, wie Ihr ihn beständig heißt, weil Ihr meint, die Zung fallt Euch heraus, wenn Ihr Felix oder Doctor Frank sagen möchtet/seid Ihr der «Posche Jisrol» (Sünder), und er ist der «Zadik» (Gerechte)." Hierüber waren alle Umstehenden, am meisten aber Bärl Lederer selbst so betroffen, daß niemand ein Wort zu erwidern wagte; es war, als ob ein »Baß kol», eine Stimme vom Himmel, vernommen worden wäre und spräche gar nicht Reb Sawel Kornmehl. Sie blickten ihn alle fragend an, er aber fuhr fort: „Wenn Ihr wissen möchtet, was ich weiß, so möchtet Ihr nach Hause gehn und Euch aufs Ponim legen und bittere Thräuen vergießeil, denn an allein Unglück habt Ihr die Schuld." Schweigend ging man nach Haufe. Gumpel's Aeltern setzten sich auf die Erde. (Ende des ersten Bandes.) vr. ElNMd Kley. „Charakter ist Zusammenhang, ist die Unmöglichkeit verschoben oder umgestürzt zu werden. Der Mensch sollte uns den Eindruck der Masse geben. Die Gesellschaft ist auf das Kleinliche gerichtet, sie zersplittert ihren Tag in Stücke und ihre Unterhaltung in Förm- 27 *