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Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums · 1866-03-01 · Heft 6 (März 1866) · p. Seite 418

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Journal
Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
Volume
II. Band (1865-1866)
Issue
Heft 6 (März 1866)
Date
1866-03-01
Page
Seite 418 (sequence 18)
Language
German
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418 Jllustr. Monatsh. für die ges. Interessen des Judenthums. (der Prophet Elias) zur «Sman minche» erhört worden sei. Man muß alles in der Welt sehen, um zu „dawenen» (beten). Entweder soll man rasch einen Schlosser holen, der aufsperrt, oder man soll «Minje» machen (in einem Privathause beten). „Bevor man den Schlosser bringt — denn wer weiß, ob er gerad' zu Hause ist — und bevor man aufsperrt, ist Nacht", sagte Kiwe mit der Quetschbrille auf der Nase, „und mir scheint gar, ich sehe schon Stern'", fügte er hinzu, indem er bedeutsam sein bewaffnetes Auge am Himmel hin- und hcrschweifen ließ. „So bleibt nichts übrig, als «Minje» zu machen." „Man muß doch aber ein «Sefer» (eine Thorarolle) haben, man muß doch «Wajechal leinen» (ein bestimmter Abschnitt)," bemerkte Bär Lederer. „Nehmt das «Sefer« (die Thora- Rolle) von Reb Löwen", schrie Berech Krupp, und sah dabei Löb Frank an, als ob er ihn fragen wollte, ob er ihm hiermit nicht einen großen Dienst geleistet habe. „Machen wir gleich bei mir «Minje >>", sagte Löb Frank, „was soll man das «Sefer» erst her und hin über die Gasse tragen!" Der Antrag stieß auf keinen weitern Widerspruch, und man begab sich in größter Eile zu Löb Frank. Man hob das „Sefer" aus und leinte „Wajechal". Es ist dies jene Stelle aus der Heiligen Schrift, wo Moses, nachdem die Israeliten sich das goldene Kalb gemacht hatten, welches sie als Gott ansahen, zum Herrn fleht: „Nun vergib ihnen ihre Sünde. Wo nicht, so tilge mich auch aus deinem Buch, das du geschrieben hast. Der Herr sprach zu Moses: «Was? Ich will den aus meinem Buch tilgen, der an mir sündigt. So gehe nun hin und führe das Volk, dahin ich dir gesagt habe. Siehe, mein Engel soll vor dir hergehen. Ich werde ihre Sünde wol heimsuchen, wenn meine Zeit kommt, heimzusuchen.» Also strafte der Herr das Volk, daß sie das Kalb hatten gemacht, welches Aaron gemacht hatte." Als man im besten «Leinen» (Lesen) bei dieser Stelle ankam: „Ich werde ihre Sünde wol heimsuchen, wenn meine Zeit kommt, heimzusuchen", da stürzte plötzlich Sorel Wasserträgerin ins Zimmer und schrie: ,,«Riboine schel Oilem» (Herr der Welt), das heißt ein «Masel» (Glück), daß man den Schlüssel nit gefunden hat." „Schah!" riefen mehrere Stimmen. .„Werft sie hinaus!" riefen andere. „Mafsik!" ertönte es aus Bärl Lederer's Munde. Sorel Wasserträgerin aber ließ sich durch alles dies nicht irremachen, wiederholte ihre frühere Ausrufung und fügte noch hinzu: „Die ganze «Khille» (Gemeinde) wäre erschlagen worden." „Was ist das? Was ist das?" tönt es jetzt von allen Seiten, denn die letzte Aeußerung veränderte die Sachlage. „Was ist es?" sagte Sorel, „die Schirl' ist eingefallen." In größter Bestürzung eilten jetzt die meisten aus dein Hause. Man konnte das „Wajechal" nicht einmal bis zu Ende leinen; man kam auf dem Platze, wo man kurz vorher noch vergebens auf Einlaß gewartet hatte, mit Blitzesschnelle wieder an; aber was sah man hier? Einen Schutthaufen; die Schul' war eingestürzt. Was war da zu machen? Aufbauen konnte man sie in aller Eile nicht. Man stellte Wächter auf über Nacht, denn am morgigen Tage wollte man wenigstens die eingegrabenen „Sforim" (Thora-Rollen) und „Klekoidescher" (heilige Gerüche) retten. Dies geschah auch. Die „Sforim" und „Klekoidescher" wurden fast unverletzt aus dem Schutt herausgegraben, aber außerdem zog man aus dem Schutt noch etwas anderes heraus, einen todten Mann: Gumpel. Er war am Abend zur Besorgniß seiner Aeltern nicht nach Hause gekommen; sie konnten sich nicht enträthseln, wo er hingekommen sein mag. Jetzt wußten sie es, wo er über Nacht geschlafen hatte. In seinen Rocktaschen fand man zerbrochene Glasscherben und Knochen von einer Gans als Spuren eines verzehrten Mahles.

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