Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 6 (März 1866)
- Date
- 1866-03-01
- Page
- Seite 412 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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412 Jllustr. Monatsh. für die ges. Cheile Gänslerin wieder, „ich bin ja froh, daß er das Viertel Gans gekauft hat. Sein Geld, sein Guste." In nicht allzu weiter Entfernung von den beiden Weibern, die sich über Gumpel's Eile und feine sonderbaren Gelüste unterhielten, saßen auf niedrigen Bänkchen, auf Fußschemeln, Balken, Steinen u. s. w. mehrere „Balbatim" (Familienväter) im Schatten eines Hauses, denn die Sonnenhitze war drückend. Wären die Frauen auch dabei gewesen, so hätte man sagen können, das Rädel sitzt; aber ohne Frauen gibt es kein eigentliches Rädel, und diese hatten nicht Zeit, sie mußten den Milchrahmstrudel für den nächsten Abend bereiten, damit der geplagte Mann, wenn er des Abends aus der Schul' nach Hause kommt, nach dem langen Fasten auch einen guten Bissen zu essen kriege. So saßen denn die Männer allein nnd zählten die Stunden. „Wir Jüdcn sind doch ein «Am kodesch» (heiliges Volk)", begann Mechol Pradenick, „so ein «Tischeb'ow-. oder »Jomkippcr» macht uns doch keine andere Nation nach. Wenn »sie» die Fasten haben, es ist nichts anderes als wie bei uns die »neun Täg»; pakatel ein Spaß, sie dürfen kein Fleisch essen, dafür fressen sie Fisch und «Belesches» (Kolatschen), als wie wenn das gar nicht gegessen heißen macht'. Das heißen sie fasten. Was meinst du Bärl, so eine Schüssel »Belesches» mit saurer Milch wär' jetzt auch kein schlechter Bissen. Seht da Schloimele Fresser an, der «Gawer» (Speichel) rinnt ihm schon aus dem Maul heraus vor «Simche» (Freude), wenn er die »Belesches» nur melden hört." „Dagegen hat aber auch kein' andere --klemme- (Volk) solche »Nissim wenifloes« (Wunder und Wunderthaten) aufzuweiscn als wie wir. Ein Spaß das, was uns alles für »Nissim» geschehen sind." „Meinst du denn, Bärl, daß wir für die «Nissim» (Wunder) fasten thun?" fragte Gawriele Stuffer, „fasten thun wir wegen die «Gesehres» (Leiden), die uns zugekommen sind. Wenn das -Beßhamikdesch» (der heilige Tempel) wär' nicht »chorew» (zerstört) gewor- Jnteresfen des Judenthums. den, sondern wär' durch ein «Neß» (Wunder) erhalten geblieben, hätten wir heute keinen Fasttag, sondern ein «Jomhaßimche» (Freudcntag) wie «Purim» und noch ein bissele mehr; aber wir fasten über die «Geseres»; denk' dir nur, was unsere «Owes awoißene» (Urgroßväter) haben ausgestanden! Ein Spaß das, die «Aßoreh haruge Matches, chodsche» (die zehn Glaubensmärtyrer, zum Beispiel). Aperepo (ä propv8), Reb Selke, seid «moichel» und thut mich da über etwas aufklären; ich mit meinem narrischen »Sechel» (Verstand) kann es nicht herausbringen, auf die letzt werd' ich noch anfangen zählen zu lernen wie die kleinen Kinder, aber wie ich euch sag', wenn ich mir alle zehn Finger von die Händ' herunterbrech', bring' ich keine zehn heraus, es sind nur alleweil sieben, die drei andern kann ich nicht finden." „«As oßer« (fürwahr), ich versteh' kein Wort von allem, was du zusammenredest", sagte Reb Selke Merene. „Nu, wenn ich kein «Kinne» (das Buch der Klagegesänge) bei der Hand Hab'", entschuldigte sich Gawriele Stuffer, „auswendig kann ich euch die Namen nicht da herrechnen; aber ihr könnt sagen, was ihr wollt, ich bring' nicht mehr wie sieben heraus." „Ah, die «Aßoreh haruge Matches» (die zehn Glaubensmärtyrer) meint er", sagte Mechol Pradenik. „Kopf muß man haben!" fügte er selbstzufrieden hinzu. „Nu «Wade» (gewiß), von was red' ich denn anders, habt ihr's denn nicht gehört?" wendete sich Gawriele Stuffer an Reb Selke. „Bringt eine «Kinne» heraus", entschied Reb Selke, „du wirst dich grob «toie» sein (irren)." Das Buch wurde gebracht und Reb Selke suchte die Kinne „Arse halwonon, Adireh hatoireh" (Cedern des Libanon, Stammhalter des Gesetzes), und da er sie gefunden und vorzulesen begann, steckte Gawriele Stuffer den Zeigefinger der Rechten und sämmtliche Finger der Linken aus, in Erwartung der Namen, die er vernehmen werde; bei Nennung des Rabbi Simon legte