Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 6 (März 1866)
- Date
- 1866-03-01
- Page
- Seite 410 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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410 Jllustr. Monatsh. für die gef. und weiter uns vor solcher Züchtigung bewahren. Kräftige du die schldtternden Knie, du Jakobs ewig Theil, du unser Helfer und Erlöser in jeder Angst und Noth. Möge Gottes Reich uns eingehen, er regieren über uns in seiner göttlichen Gerechtigkeit, daß erfüllt sei der Gottesspruch: DeineTrauertage sind zu Ende! daß wir in seinem Licht vorwärts schreiten und dem großen Ziel nachgehen und es erreichen." So lautet dieser jammervolle Gesang. Und wenn sie genug geklagt und getrauert haben, dann gehen sie Hinalls auf den guten Ort und besuchen die Gräber der Verstorbenen. Sie gingen eben hinaus, Gumpel giilg auch und kam dann erschöpft nach Hause. Für ihn waren diesmal die drei Wochen von ganz anderer Bedeutung wie ehemals. Sein Gemüth war von etwas ganz andern: bewegt als von der Trauer über die Zerstörung Jerusalems. „Bin ich wie er, oder bin ich nicht wie er?" so fragte er sich, als er endlich allein war, nachdem man in der Gasse wieder erzählt hatte, daß der Doctor Frank es sich zu Mittag eben sehr gut habe schmecken lassen. „Bin ich wie er, oder bin ich nicht wie er?" wiederholte er sich. „Bärl Lederer sagt, er möcht' mir sein Rösele geben, wenn ich nicht war' wie er, rmd Rösele sagt, sie möcht' mich nehmen, wenn ich wär' wie er. Bin ich «meschugeh» oder «metoref» (wahnsinnig oder verrückt)? Wer von ihnen hat recht? Bin ich wie er, oder bin ich nicht wie er?" sagte er sich zum drittel: mal und stampfte dabei vor Wuth auf den Boden, als ob er hätte die Erde zerschmettern wollen. „Wenn ich wie er bin, warum fast' ich heute, wenn er frißt? Und wenn ich nicht wie er bin, warum bin ich nicht wie er, da sic es haben will? Ist es denn eine solche Kunst, wie er zu sein? Ist es denn nicht leichter, zu fressen, wie zu fasten? Und werd' ich die Kunst nicht auch treffen? Du sagst, ich mach' ihm nach, dl: alter «Thillimpräppler» (Psalmenplärrer), ich mach' ihm nach Interessen des Jndenthums. alle seine Gassenjungereien, die ich in der Kindheit von ihm gelernt Hab', di: thust mir bitter unrecht; denn bisjetzt Hab' ich ihm noch gar nichts nachgcmacht; aber trau nur nicht, sonst werd' ich dir weisen, daß ich es ihn: auch noch vormachen kann, und daß ich kein bloßer Nachmacher bin. Sie will es, Rösele will es, ihr gefällt es also, und warum soll ich anders sein, als wie es ihr gefällt?" In solcher Weise entwickelte sich in den: unverdorbenen, aber bis aufs äußerste gereizten Gemüth Gumpel's ein unbändiger Trotz. Ein Topf Milch stand auf dem Tisch, den die Schamestin in Bereitschaft hielt, um für dei: Abend einen Milchrahmstrudel zu machen; er ergriff ihn und wollte trinken, da kam es ihm vor, als ob Bärl Lederer den Kopf eben zum Fenster hineingesteckt hätte; vor Schrecken ließ er den Topf fallen und auf dem Fußboden lag die Milchstraße, die sich rasch gebildet hatte. Der Schreck fuhr ihn: zo in die Glieder, daß er hinsank. Erinnerungen aus seinen Jugeudtagen stiegen herauf, längst entschlafene Bilder einer glücklichen Zeit. Jetzt sah er sich mit Felix in: Walde, wie sie weltvergessen und ohne Groll im Herzen hin- und herspringen. Der Geistliche mit dem Glöckel kam ihm in den Sinn und er sprang wüthend auf. „Davon", ruft er, „rührt mein ganzes Unglück her. Hätt' ich damals nicht die Kappe heruntergeuommen, so hätte Bärl Lederer heute nur nichts vorzuwerfen. Aber so hat er sich's in den Kopf gesetzt, ich bin ein «Posche Jisrol» (Sünder) und mache ihn: alles nach! Aber was hält' mir das genutzt", reflectirte er weiter, „wenn Bärl mich heut' für keinen «Posche» halten möchte. Er möcht' mir sein Rösele geben! Was nutzt mir aber sein Wille, wenn sie nicht will, wenn sie «dawke« (durchaus) haben will, ich soll sein wie er. Wie meint sie das nur? Meint sie gar, ich hätt' studirei: sollen?" Hiebei tauchte jenes Bild in seiner Seele auf, wie der Herr mit den: goldenen Augenglas dagesesseu ist in Löb Franks Haus und den Felix geprüft hat. „Ich Hab' zum Studiren keinen Kopf gehabt",