Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 5 (Februar 1866)
- Date
- 1866-02-01
- Page
- Seite 393 (sequence 73)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2417805-2417813-2417818--914-2418758- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
323 Die Salomonischen Schriften. faches Gemälde des israelitischen häusj lichen Lebens, in dem sich der iSinn! für Häuslichkeit und Familienleben sehr schön ausdrückt. Diese beiden letzten Kapitel sind übrigens wahrscheinlich aus nachexilischer Zeit. Der Werth des Spruchbuchs liegt auf der Hand. Freilich Sprüche Salomo's haben wir höchstens in sehr geringer Anzahl. Die 3000 Sprüche, von denen das Buch der Könige redet, hätten in den 9lö Versen des Buchs doch nicht Platz, und in diesen wird auch weder von den Pflanzen noch von Thieren viel geredet. Dafür haben wir aber in dem Buche ein Denkmal der sittlichen lind lebensklugen Denkweise des hebräischen Volks oder vielmehr seines bessern Theils. Die Gesinnung ist durchgängig nicht so hoch und rein wie die der Propheten, aber dafür werden wir mehr in das eigentliche praktische Leben eingeführt. Die Frische des Buchs zeigt sich recht, wenn wir es mit dem andern großen, aber viel spätem Spruchbuche, dem des Sirachsohns, zusammenstellen. Wie kraftlos, matt und greisenhaft erscheint letzteres trotz aller Vortrefflichkeit der Gesinnung neben der alten Sammlung! Der Mangel an positiv religiösen Lehren, die etwas bedenkliche Moral einiger Sprüche, welche zu sehr eine eigennützige Weltklugheit empfehlen, und die Ueppigkeit in der Schilderung der Ehebrecherin, welche der Prüderie der strengen Schriftgeiehrten Anstoß gab, bewirkten, daß inan bei den Huden die Kanonicität des Buchs vielfach anfocht. Da es aber den Namen Salomo's an der Stirn trug, da es so viel religiös und ethisch Vortreffliches enthielt, und da die Erklärungskünste jener Zeit die anstößigen Stellen unschuldig zu machen verstanden, so drangen diese Bedenklichkeiten nicht durch, und das Buch verblieb im Kanon der Juden und kam so auch zu den Christen. Der Prediger. Der alte Glaube, daß Tugend und Belohnung, Laster und Strafe aüf Erden in richtigem Verhältniß zu einander ständen, eine der Grundlagen der mosaischen Religion, mußte mit dem Fortschritt des Nachdenkens und dem Wachsen des nationalen Unglücks Anfechtung erleiden. Schon das Buch Hiob behandelt diese Probleme, schließt aber noch mit einer glänzenden Theodicee. Ganz anders mußte man den Zwiespalt der Lehre und der Wirklichkeit lange nach dem Erst fühlen, als die religiöse Begeisterung und die fromme Naivetät verschwunden, kein Prophet mehr vorhanden, nichts von den großen Hoffnungen erfüllt war. Gewisse Grundsätze, wie der Glaube an Gottes Allmacht und die unbedingte Pflicht des Menschen, sich ihr zu unterwerfen, standen freilich ebenso wie der äußere Cultus fester als je in den alten Zeiten; aber um so größer war der Widerspruch des elenden Zustandes mit der frommen Gesinnung des Volks. Der Glaube an Unsterblichkeit, dem Alten Testament eigentlich fremd, war noch nicht oder kaum bekannt lind hatte jedenfalls noch nicht die Kraft erlangt, jenen Widerspruch auszugleichen, wie er es für die Spätem that. So blieb dem denkenden Geiste nur eine dumpfe Resignation übrig, wenn ihn der Zweifel an der Gerechtigkeit nicht zur Verzweiflung führte. Als Zeugniß dieser Stimmung ist uns nur eine Schrift erhalten; dies ist das salomonische Predigerbuch. Unter der Person Salomo's predigt der Verfasser darüber, wie alle menschlichen Bestrebungen nichtig, Weisheit und Tugend nutzlos und nur einzig und allein der Genuß des Augenblicks, obgleich so flüchtig, das Gut des Menschen sei. Die Fiction, daß Salomo der Redende, ist sehr gut gewählt. Salomo's Weisheit und Macht war sprichwörtlich. Ein Mann, der die höchste Macht besessen, der alle Güter des Lebens kennen lernen konnte, und der zugleich die höchste Urtheilskraft hatte, der hätte am ersten das wahre Gut finden müssen, das dem Menschen für alle seine Anstrengungen zutheil würde: aber alle seine Macht und Weisheit führen ihn zu keinem guten