Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 5 (Februar 1866)
- Date
- 1866-02-01
- Page
- Seite 386 (sequence 66)
- Language
- German
- Belongs to
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386 Jllustr. Monatsh. für die gef. Handelsmann Simson Ceneda mit, dem sie aber entweder wirklich als unglaub-! lich erschien, oder dem daran gelegen war, sie als unglaublich erscheinen zu lassen, kurz, er bestritt hartnäckig die Wahrheit des Gerüchts, und äußerte endlich bei wiederholter Betheuerung des Gegentheils: „Ich verwette ein Pfund meines Fleisches, daß die Nachricht unwahr sei." „Und ich will dagegen 1000 Scudi setzen", erwiderte der Christ, der in wunderlichem und stolzem Humor einen Vertrag aufsetzen und von zweien Zeugen, einem Christen und einem Juden, unterschreiben läßt, welcher festsetzt, daß, wenn die Nachricht falsch, Herr Paul Maria Secchi, der christliche Kaufmann, verbunden sei, dein Juden Simson Ceneda 1000 Scudi zu zahlen; wenn aber gegentheils die Nachricht sich bestätigen wird, soll der christliche Kaufmann, Herr Paul Maria Secchi, berechtigt sein, mit eigener Hand und wohlgeschärftem Messer dem Juden ein Pfund Fleisch, von welchem Theil seines Leibes ihm, dem Christen, belieben würde, herauszuschneiden. Gar bald war kein Zweifel mehr über Drake's Sieg, und Secchi forderte die Erfüllung des Scheins. Vergebens bot der Jude 1000 Scudi als die Summe, die der Kaufmann hätte verlieren können, zum Ersatz; der Christ schwur, der Schein müsse erfüllt werden, und hatte bereits einen Theil des Körpers gewählt, den, wie unser Biograph meint, die Bescheidenheit zu nennen verbietet, der Leser aber unschwer errathen wird. In der Angst seines Herzens läuft der Jude zum Gouverneur, um durch diesen den Kaufmann zu bewegen, 1000 Scudi zu nehmen;, der Gouverneur aber meldet die Sache dem Papst, der nun, wie sich denken läßt, die Rolle der Portia übernimmt, was freilich den Zuschauer nicht so ansprechen möchte und auch nicht so erfreulich für die Bekehrungsgesellschaft ausfällt, da der strenge Richter nicht die Bekehrung des Juden, sondern beide Theile zu den Galeren bestimmt, wovon sie sich nur durch 2000 Scudi jeder an das Spital Interessen des Judenthums. bei der Sixtinischen Brücke loskaufen können. Daß Shakspeare diesen Vorfall vor Augen gehabt, der kurz vorher geschehen, der sich an ein englisches Nationalereigniß anschließt, bei dem der größte Mann seines Jahrhunderts in Handlung tritt, daran wird wol niemand zweifeln; wol aber erlaube ich mir daran sehr stark zu zweifeln, daß Shakspeare diese Verwechselung aus Bosheit oder Judenhaß vorgenommen habe. Das wäre in der That eine schwere Sünde, den gottbegabten Dichter in eine Kategorie mit der bellenden Meute jener Schweißhunde zu setzen. Nein, ihn hat ein viel schönerer, künstlerischer Zweck geleitet. Es bedarf keiner Ausführung, daß es alle dramatische Wirkung verfehlt hätte, wenn der Vorfall, wie er geschehen, zur Vorstellung gekommen wäre. Ein Christ hat freilich diese Grausamkeit gehabt, möglich aber wird sie nur von einem Juden gehalten. Und wie mag es der bekannten Ironie unsers Dichters willkommen gewesen sein, seinem Auditorio durch 'diese Vorstellung zuzurufen: „Seht, worüber ihr hier zusammenschaudert, was ihr nur von einem Juden für möglich haltet, das hat ein Christ thun wollen." Und wie verschieden mögen die Betrachtungen der Zuschauer am Hofe Elisabeth's von denen gewesen sein, die in unserer Zeit an einem der größten deutschen Höfe bei der meisterhaften Vorstellung dieses Stücks sich geäußert haben, wo von einer Loge zur andern gezischelt wurde: „Wo ist denn der Baron? Warum ist der Baron heute nicht nn Theater? " Man meinte damit einen jüdischen Baron, der sich, wie man wissen wollte, bemüht hatte, das Stück vom Repertoire zu streichen. Dank sei dem Schicksal, daß ihm diese Bemühung nicht gelungen ist. Er wird bald in der fruchtbarem Mühe am Rialto Entschädigung und Trost gefunden haben; wir andern wollen uns den herrlichen Kunstgenuß nicht-schmälern lassen, und wenn sich uns eine ernstere Betrachtung aufdrängen sollte, so wollen wir uns sagen, daß es in allen Bekenntnissen Leute gibt, denen der Vorwurf des