Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 5 (Februar 1866)
- Date
- 1866-02-01
- Page
- Seite 385 (sequence 65)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Der Kaufmann von Venedig. 385 als Heros der kältesten, berechnetsten, grausamsten Rache! Hier ist nicht heißes Blut, das tiefempfundene Beleidigung rasch und furchtbar straft, sondern eine Art von Rechenexempel des Teufels, das mit kaltem Verstände richtig calculirt und zu Ende gebracht wird. Nicht nur das Gesetz, sondern auch das Recht spricht seiner Ueberzeugung nach für ihn. Wer mir schadet, dem schade ich wieder, wer mich verderben will, den vernichte ich, wenn ich die Gewalt habe. „Was ihr mich gelehrt, das will ich üben", lautet seine infernale Ethik, und es ist nicht zu leugnen: Furchtbares ist ihm gelehrt worden, und Furchtbares will er üben. Verachtet und verhöhnt in seinem Ehrwürdigsten, dem äußerlichen Abzeichen seines Glaubens, verkürzt in seinem erlaubten, also seiner Meinung nach rechtlichen Erwerb, glaubt er noch Großes zu thun, noch beschämend edel zu handeln, wenn er, dem Begehren seines Hauptgegners entsprechend, diesen nun nebenbei zwingt, eine demüthigende Bedingung zu unterschreiben. Mehr sollte in dem Moment des Darlehns die verhängnißvolle Clausel gewiß nicht sein; für mehr wurde sie von keinem Theil genommen; sonst wäre Bassanio noch schlechter als Shhlock und Antonio ein widerlicher Narr, der keine Theilnahme erwecken könnte. Auch Shylock will nicht mehr; er ward verhöhnt und will verhöhnen, noch haben aber 3000 Dukaten mehr Werth für ihn als Antonio's Untergang. Aber der Teufel versteht aus einein Haar ein Entertau zu flechten. Das Unglück häuft sich zusammen; die einzige Tochter und der einzige Türkis sind entführt, der Vater selbst hat das Geld dazu hergegeben, das wahrscheinlich — welcher Unterdrückte ist nicht argwöhnisch — nur zu diesem Zweck entliehen ward. Aber auch in diesem rein menschlichen Unglück wird ihm statt Hülfe, statt Theilnahme nichts als frivoler Spott, als schadenfroher Hohn zutheil, und gleichsam als Desert zu diesem bittern Mahl erfährt er noch, daß auch sein Vermögen bei Antonio, dem Urheber seines Unglücks, Hilb-rg'S Jllustrirte Monatshefte. II, S. — Februar U bedroht ist. Da fällt plötzlich der Mantel von dieser Höllenstatue, und sie steht mit eins in ihrer grausamen Nacktheit vor unfern Angen. „Er soll sich vorsehen mit seinem Schein"; diese Worte zeigen uns, daß der Teufel bei ihm zum Durchbruch gekommen ist, und wir schaudern vor der Betrachtung zusammen, wie tiefelend der Mensch werden muß ohne die göttliche Gnade der Offenbarung, ohne die Religion der Liebe, die uns lehrt (Spr. Sal. 25, 21): „Wenn dein Feind hungert, speise ihn, wenn er dürstet, reiche ihm Trank, und streust du auch glühende Kohlen auf sein Haupt, Gott wird's dir doch vergelten." Wie Shylock, wie dieser Erstgeborene des Satan zu schließen und zu handeln, ist weiter nichts nöthig als ein taubes Ohr für das Wort Gottes und ein kräftiger Wille, das zu vollziehen, was dem Egoismus nützlich erscheint. Die Ouelle, aus welcher der Dichter diesen Theil des Stücks geschöpft hat, wird meines Wissens nirgends angegeben, obgleich ich sie vor Jahren einem Uebersetzer des Shakspeare ins Oberschlesische und einem geistreichen Theaterkritiker mitgetheilt habe, was mich beinahe vermuthen läßt — doch beide Männer sind todt, und Todte können sich daher nicht rechtfertigen und daher auch nicht angeklagt werden —, und so werde sie denn in dieser Zeitung noch einmal aufgedeckt. Gregorio Seti, Biograph Sixtus V., erzählt im XI. Buche seiner mit vieler Anmuth und feinen Bemerkungen ausgestatteten Geschichte dieses Papstes manches Beispiel von dessen strenger Gerechtigkeitspflege. Unter anderm wird folgende Geschichte genau und ausführlich berichtet: Im Jahre 1587, also ungefähr zehn Jahre vor dem als wahrscheinlich angenommenen Schöpfungsjahre unsers Stücks, erfährt ein angesehener und reicher Kaufmann, Namens Paul Maria Secchi, ein gut katholischer Christ, daß Franz Drake San-Domingo erobert und dort große Beute gemacht habe; er theilt diese Neuigkeit einem jüdischen 66. 25