Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 5 (Februar 1866)
- Date
- 1866-02-01
- Page
- Seite 383 (sequence 63)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2417805-2417813-2417818--904-2418748- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Biblische Stoffe in der neuern deutschen Dichtung. dich" steht NU der Spitze einer laugen Reihe von Bibeldrnmeu, welche sich bis in die jüngste Vergangenheit hereinzieht und noch bis zur Stunde nicht ihr Ende gefunden hat. Wilhelm Gärtner dichtete den „Siinson", Otto Ludwig die „Makkabäer", Alfred Meißner das „Weib des Urias", Elise Schmidt den „Judas Jschariot", alles Dramen von großer Kraft und poetischem Gehalt. Doch wir müssen in unserer Darstellung noch auf die Dichtungen der früheren Periode zurückkommen, weiche die letzten zwei Decennien des vergangenen und die ersten vier unseres Jahrhunderts umfaßt. Wenden wir uns nun den Dichtern dieserPeriode, welche durch einzelne ihrer Werke hierher gehören, im besondern zu, so nennen Nur als das erste nicht nur der Zeit, sondern auch dem Werthe nach: „Adams erstes Erwachen und erste selige Nächte" (Manheim I77P von dem Maler Friedrich Müller. Da ist echte Poesie, da sind groß und kühn gezeichnete Charaktere, da sind Seenen und Schilderungen von hinreißender Wirkung. Wenn Heinrich Kurz sagt, daß die Behandlung des Stoffs im allgemeinen an Geßner erinnert, so finden wir diese Behauptung in keiner Weise begründet, da sie Müller und Geßner gleich unrecht thut. Wvt hat auch Geßner biblische Stoffe als Idyllen behandelt, aber die beiden Schriftsteller sind in Anschauung und Darstellung so sehr von einander entfernt, daß es in der Dhat nichts gemeinsames zwischen ihnen gibt. Wer Friedrich Müllers Dichterkraft bewundern will, der lese zumal die Stelle, wo Adam seine Empfindringen schildert, als er Eva zum ersten mal erblickte. Das EpoS „Tobias" von Johann Friedrich von Meyer (Frankfurt 18M) ist seinerzeit viel genannt und gelobt worden. Es war eines der ersten Werke, welche Meyer veröffentlichte, doch zeigt sich schon in diesem der scharf ausgeprägte Charakter des durch seine theologisch-mystischen Schriften in weitern Kreisen bekannt gewordenen Verfassers. Der Charakter des Tobias ist glücklich anfgefaßt; den Grundfehler des Gedichtes bilden weitläufige philosophische Erörterungen, welche den Gang der Handlung ungebührlich aufhalten und durch nichts entschuldigt werden können. Berühmt geworden sind die „Perlen der heiligen Vorzeit" von dein Erzbischof Johann Ladislaus Pyrker (Ofen l8Ll>, eine Reihe von biblischen Erzählungen, welche in der Thal mit Kraft und Schwung ausgeführt sind und dramatisches Leben besitzen. Wir müssen namentlich hervorhebeu, daß Pyrker das Interesse nicht auf zu viele Personen vertheilt hat und somit eine Klippe zu vermeiden wußte, an welcher so viele Dichtungen der neuern Zeit gescheitert sind. Die biblischen Idyllen der Caroline Pichler („Ruth", „Hagar in der Wüste" u. a.) haben einen anmuthigen, nur mitunter etwas manierirt spielenden Stil, leiden aber durch die schwächlichen Charaktere und durch die zu breit auSgesponnenen Schilderungen. Eine seltsame Vereinigung von Genialem lind Tollem sind die zwei Romane: „Sahir, Eva's Erstgeborener im Paradiese. Ein Beitrag zur Geschichte der Cultur und Humanität" (Leipzig (7M) und „Reisen vor der Sündflut" (Riga 17!>ö) von Friedrich Marimilian von Klinger. In beiden Romanen zeigt sich der Dichter als ein schwärmerischer Verehrer der Fdeen Rousseau's und will in der Civilisativn, d. i. in dem LoSreißen der Menschheit von dem Naturzustände, den Verfall lind das Verderben der Menschheit erblicken. Die beiden Werke sind interessant wegen der mancherlei satirischen Ausfälle auf das Leben und die Verhältnisse des l8. Jahrhunderts. Namentlich die geschlechtlichen Verhältnisse sind in einer Weise behandelt, welche durch ihre geistvolle Ironie oft entzückt, aber ebenso häufig auch durch ihre eynische Frechheit abstoßend wirkt. Man merkt es bald, daß der begeisterte Schüler Rousseau's recht oft auch in die Schriften Diderot's geguckt hat. Als eiil durch Form und Gehalt bedeutendes Werk erscheint nns Anglist Gottlieb Eberhard's Gedicht „Der erste Mensch und die Erde" (Halle I