Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 5 (Februar 1866)
- Date
- 1866-02-01
- Page
- Seite 355 (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
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355 Salomo vorkommenden Doppellaut oi; diesen veränderte er in au; so liest er für Moische (wie man früher gelesen hatte) Mansche, für Adoinoi liest er Ad au n au. Außerdem kommt in Betracht das ü, für welches er u setzt, z. B. hu für hü; ferner an manchen Worten, aber keineswegs principiell durchgreifend, wie die spanische Lesart a für o, z. B. Baruch für Borüch. Sulzer's Veränderungen, welche weder mit der früher in unfern Synagogen üblichen Lesart, noch mit der durchgreifend veränderten, wie sie z. B. in Gesenius' Grammatik als Norm angeführt wird, übereinstimmt, hat allerdings den Vorzug eines gewissen Wohllauts, aber nur scheinbar, nicht in Wirklichkeit; außerdem kann sie von dem Vorwurf der Willkürlichkeit nicht ganz freigesprochen werden. Ich sehe nicht ein, warum ein a wohllautender als o, ein u wohltönender als ü und endlich (die Hauptsache) ein au wohllautender als oi sein sollte! In Süddeutschland, namentlich in Oesterreich, macht man freilich wenig Unterschied zwischen i und ü — nichtsdestoweniger besteht derselbe. Ebenso kennt man keinen Unterschied zwischen ei und eu; in Norddentschland hingegen klingt Beute ganz anders als Beitel, das eu klingt, wenn man scharf zuhört, nahezu wie oi. Also, was wohllautender ist, darüber läßt sich sehr streiten, und wir möchten hierin dem verehrten Mann, dessen Leben wir skizziren, nicht unbedingt beistimmen, daß seine Aussprache unter allen Umständen die wohllautendere sei; wir anerkennen indes; gern selbst diese seine Neuerung als ein Verdienst; denn ist der größere Wohllaut seiner Sprachweise auch nur scheinbar, so muß selbst dieser Schein auf etwas, wahrscheinlich ans der österreichisch-deutschen Aussprache beruhen, welcher ein ü wie ein oi ziemlich fremd klingt, und wenn es ihm hierdurch theilweise gelungen ist, den Gottesdienst ästhetisch zu heben, so muß ihm selbst das Verdienst dieses Jrrthums ungeschmälert bleiben. Das zweite Moment ist das Anlehnen seiner Choräle an die vorhandenen alten Synagogen-Melodien. Dieses Sulzer. Moment ist Von höchster Wichtigkeit; denn diese alten Melodien sind durch ihr Alter mit den Gebeten sozusagen verwachsen, und es wäre gefährlich gewesen, dieselben ganz fallen zu lassen und modern gehaltene Compofitionen an deren Stelle zu setzen; anderntheils ist auch in den alten Synagogen- Melodien, wenn sie anders von den sie verunzierenden Schnörkeleien befreit und in ihrer ursprünglichen melodiösen Reinheit wieder hergestellt werden, eine wirklich tiefe Empßndung zum Ausdruck gebracht. Ich brauche hier an keine einzige speciell zu erinnern, jeder Israelit, der sie von Jugend auf gehört hat, wird hier seine Beispiele selbst finden. Es galt aber, diese alten Synagogen-Melodien künstlerisch zu behandeln. Vor allem mußten sie rhythmisirt, die einzelnen Theile einer Melodie mußten auseinander gehalten werden, um als Vorder- und Nachsatz sich wieder zu einem Ganzen zu vereinigen. Das ist keine leichte Ausgabe. Probire es einmal einer, der den „Schir-Zion" nie in der Hand gehabt hat (vorausgesetzt, daß er die musikalische Bildung besitzt), und rhythmisire irgendeine alte Synagogen-Melodie. Ob er nicht in einer Tongruppe von acht Takten zweimal den Takt verändert! Ich habe es selbst probirt und weiß die Schwierigkeit einer solchen Arbeit aus eigener Erfahrung zu schätzen. Außer dem Rhythmus war es die Harmonie. Nun, was diese anbelangt, stellt sich die Sache auch nicht leicht. Jeder Musiker weiß erstlich, daß ein Harmoniker ebenso ein Erfinder sein muß wie der Melodiker. Aber hier lag eine besondere Gefahr darin, durch die harmonische Erfindung den Grundcharakter der Melodie zu verwischen; es galt also Einfachheit der harmonischen Grundlagen, ohne sich mit jener flachen Harmonisirung zu begnügen, die man aus einem Lehrbuch herauslernen kann, wenn man auch aller Erfindung bar ist. Nach beiden Leiten hin, sowol in der Rhythmisirung als Harmonisirung der alten Synagogen-Melodien hat sich Sulzer entschiedene Verdienste erworben, und nach fünfzehn Jahren angestrengtester 28*