Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 5 (Februar 1866)
- Date
- 1866-02-01
- Page
- Seite 346 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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346 Jllustr. Monatsh. für die ges. Interessen des Judenthnms. hielt den verzweifelten Vater nicht ans; vor seinem grauenvollen Anblick wichen die meisten scheu zurück, und die, die es nicht thaten, wurden von seinen spitzen Elnbogen und von seinem stürmischen Anlauf bald aus dem Wege getrieben.; Todesdrohungen, Flüche und Verwünschungen schallten hinter ihm her. Alle Straßen, alle Plätze, alle Erchen hatte der Aermste bereits nach seinem verlorenen Sohn durchsucht, nur eine Kirche blieb ihm noch übrig, die Kirche San-Pietro, und auf dem Wege dahin befand er sich eben, als er die sich bildende Processton durchbrach. Fast sterbend kam er vor ihrer offenen Thür an. Da schien es ihm, als wenn das leise Murmeln der Gebete derjenigen, die vor dem Hochaltar und in den Gängen knieten, von einem schmerzlichen Wimmern übertont werde. Sein Blut erstarrte, sein Athem, der eben noch in mächtigen Stößen seine keuchende Brust hob, stockte; einen Augenblick blieb er, wie um seiner Sache gewiß zu werden, auf der Schwelle der Kirche stehen; da drang aus einer der Seitenkapellen ein Schrei zu ihm heraus, so klagend, so in das innerste Mark seiner Gebeine dringend, daß er wie ein Rasender in die Kirche stürzte. Ueber die veil'er der Betenden, alles vor sich niederwerfend, stürmte er den Gang hinab, in die Kapelle hinein. Der Vater hatte seinen Sohn gefunden. Doch, großer -Gott, in welcher Lage! Der arme kleine Benjamin lag vor dem Altar, auf dem die traurigen Reste des heiligen Märtyrers Simonino standen, mit dem Gesicht zur Erde, die Arme mit Stricken in Kreuzcsform auseinandergeschnürt, ohne Bewegung, wie todt. Alan würde haben glauben können, der Knabe sei der Angst um den Vater und den Mishandlungen, die er erduldet hatte, bereits erlegen, wenn er nicht ein leises schmerzliches Wimmern hätte hören lassen, untermischt zuweilen mit einem durchdringendern l Schrei, wenn irgendein fanatisches Weib — die Anwesenden gehörten fast alle diesem Geschlecht an — sich von den Knien erhob und die armen kleinen Beine und Hände des Knaben mit Geiselhieben bedeckte. Dieser schmerzliche Anblick gab dem unglücklichen Vater seine fast erschöpften Kräfte plötzlich zurück. Wie eine Löwin, die ihr Junges vertheidigt, stürzte er auf Benjamin los; noch hing das Messer an seinem Gürtel, ohne welches damals kein Jude öffentlich erschien. Bald blinkte der scharfe Stahl in seiner Hand, und ehe sich noch jemand unter den Anwesenden von seinem maßlosen Erstaunen über die Frechheit eines Juden, sich in diesen geheiligten Räumen blicken zu lassen, erholt hatte, waren die Stricke, die den Knaben hielten, wie dünne Fäden zerschnitten und verließ Salomon bereits mit seinem wiedergefundenen Sohn auf den Armen die Kirche. Als der erste frische Luftzug draußen seine heftig arbeitende Lunge füllte, blieb der völlig erschöpfte Mann einen Augenblick auf den Stufen der Treppe stehen, die zur Kirchthür hinaufführte, als müsse er sich erst ein wenig erholen und die Wege zur ferner» Rettung überlegen. Bald aber trieben ihn die Racherufe und das Wuthgeschrei der ihn verfolgenden Weiber, die hinter ihm aus der Kirche drangen, zu neuer Flucht. Diese würde ihm auch ohne Zweifel gelungen sein, wenn nicht seine Kraft durch die vorhergehenden Anstrengungen und Gemüthsbewegungen völlig gebrochen gewesen wäre und die Last des fast leblos in seinen Armen ruhenden Knaben ihn nicht noch mehr gehindert hätte. Er wurde eingeholt, umringt, gestoßen, geschlagen mit allen möglichen Waffen, die schwache Weiberhände schwingen können. Die Anstrengungen, die er machte, um den ihn umschließenden Kreis seiner Dränger zu durchbrechen, gelangen ihm zuweilen fast, aber immer mehrere eilten herbei, und hundert Kehlen schrien durcheinander: „Schlagt ihn todt, den verruchten Juden, er hat den Tempel Gottes ge-! schändet, er hat den Altar des heiligen