Mannheim
Compact Memory

Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums · 1866-02-01 · Heft 5 (Februar 1866) · p. Seite 345

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
Volume
II. Band (1865-1866)
Issue
Heft 5 (Februar 1866)
Date
1866-02-01
Page
Seite 345 (sequence 25)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2417805-2417813-2417818--866-2418710
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Der Jude von Trient. 345 Bart; nur hier und da erwiderte ihm einer oder der andere mit Hohn und Spott. Salomvn ließ sich durch nichts abhalten, durch nichts zurückschrecken. Er lief durch die Straßen, er schaute in die Höfe, er durchforschte die Herbergen, die Buden der Handelsleute, die Gärten, die geringsten Winkel, wie ein Hund, der seinen Herrn verloren hat. Die letzte Stunde war gekommen, und er mußte sein Kind haben; er schellte nichts auf der Welt, er überwand selbst seinen Widerwillen gegen die heiligen Stätten der Christen, aus denen das Bild des Gekreuzigten ihm entgegenstrahlte; er war in Gefahr, gesteinigt, in den Kanal geworfen, zerschlagen zu werden, wenn er diese Drte betrat, aber er fürchtete nichts. Kein Widerstand konnte ihn aufhalten, seine kräftigen Arme durchbrachen die dichteste Menge, die ihm den Weg sperrte; er drang in die Kirchen, er blickte hinter jeden Pfeiler, in jede Kapelle, lind ehe noch die Wuth des Volks in Thätlichkeiteu wider ihn ausbrechen konnte, war er bereits wieder verschwunden und ließ seine Verfolger weit hinter sich zurück, durchaus nicht achtend auf die Nacherufe, die ihm nachgerufen wurden. Während der unglückliche Vater so in der größten Herzensangst und Verzweiflung nmherlief, seinen lieben kleinen Benjamin zu suchen, ein Bild des Jammers für jede fühlende Brust, bot sich den entzückten Augen der Menge ein wunderbares Schauspiel in der Kirche San-Maria Maggiore dar. Die letzte Sitzung der weltberühmten Kirchenversammlung, die den Niß in der Kirche Jesu Christi heilen sollte, war beendet; eine unzählbare gläubige Menge füllte die Kirche, dichte Weihrauchwvlken zogen durch den hohen Raum und verdunkelten selbst in etwas die zahllosen Lichter, von denen der Hochaltar schimmerte. Rings um denselben her saßen die Würdenträger der Kirche in.ihren von Gold und Edelsteinen strahlenden und mit kostbaren Spitzen besetzten Gewändern, die Erzbischöfe und Bischöfe mit allen Insignien ihres hohen Amts angethan, die goldenen oder silbernen Bischofsmützen aus dem stolz erhobenen Haupt lind die gekrümmten Hirtenstäbe in der Hand. Ein feierliches Murmeln schwebte über der andächtig erregten Menge; plötzlich wurde es still. Der Cardinallegat von Lothringen, Präsident des Coneils, erhob sich, assistirt von zwei andern Cardinälen, und mit ihm die ganze glänzende Versammlung. Auf der höchsten Stufe des Altars stehend, verkündigte er mit feierlicher, alle Räume des mächtigen Gebäudes allsfüllender sonorer Stimme den glücktichen, zur Ehre Gottes und der heiligen Kirche erfolgten Schluß des Concils, auf dem die Augen der ganzen christlichen Welt so viele Jahre geruht, lind dem die Fürbitten aller guten Christen geweiht gewesen, lind forderte schließlich alle Anwesenden auf, sich zu einer feierlichen Proeession nach der Kathedralkirche zu St.-Johann zu ordnen, um dort das Dedeum anzuhören. Ehe der Fug zur Proeession geordnet war, rannte der unglückliche Salomon die Straße herab, über den dicht mit Menschen allgefüllten Platz vor der Kirche Santa-Maria Maggiore. Sein Anblick konnte Grauen erregen. Das Gesicht war erdfahl, von Schweiß triefend, die mit Blut unterlaufenen Augen stier wie die eines Wahnsinnigen, seine Haare verwirrt, sein Bart zerzaust, seine Kleider zerrissen. Seine dritte Stunde hatte längst geschlagen, aber er suchte noch immer seinen Sohn Benjamin. Bereits hatte mancher Bürgersmann, der ihm auf seinem rasenden Lauf begegnete, und hier und da auch ein Stadtknecht ihm zugerufen: „Jude, deine Zeit ist abgelaufen, fort mit dir aus der Stadt, oder es wird dir schlecht ergehen!" aber Salomvn beachtete das alles nicht lind antwortete kein Wort auf alle an ihn gerichtete Fragen lind Drohungen. Wollte man ihn aufhalten, so brach er sich mit Gewalt Bahn durch alle Hindernisse, die ihm entgegengesetzt wurden; er suchte seinen Sohn Benjamin. Auch die sich soeben zur Proeession vor der Marienkirche ordnende Menge

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.