Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 5 (Februar 1866)
- Date
- 1866-02-01
- Page
- Seite 343 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2417805-2417813-2417818--864-2418708- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Der Jude von Trient. 343 Mit einer Verwünschung gegen den alten Juden betrachtete sie das schöne Gesicht des Knaben, und indem sie den Namen San-Simomüw vor sich hinmurmelte, entschwand sic all» den Augen des geängstigten Vaters. Bald erreichte Salonwn seine ihm entgegenkommenden Glaubensgenossen und fühlte sich in der Mitte derjenigen, die, gleich ihm von rastloser Geschäftigkeit erfüllt, alles vergaßen, was ihnen Kränkendes lind Bedrohliche» begegnet ivar, wieder ruhig und sicher. Er hatte seinen liebeil Knaben, dein Ruhe und Erholung noththat, vor sich auf da» Pflaster niedersitzen lassen und war bald in lebhafter Unterhandlung mit seinen Freunden. Benjamin fand sich begreiflicherweise mehr angezogen durch einige bunte Steine, die um ihn her lagen, als durch die Gespräche der alten Männer; er benutzte das einfache Spielzeug, das ihm die Straße bot, lind kroch zwischen den Beinen der um ihn her Stehenden hier- und dort hin, bald diesem, bald jenem Steinchen nach. Salonwn ließ seinen liebeil Knaben nicht aus den Augen, jeden Augenblick sah er sich nach ihm um und lächelte ihm zu mit der süßesten Miene väterlichen Stolzes, die in dein heitern Gesicht des Knaben jedesmal die bereitwilligste Erwiderung fand. Endlich schienen die Unterhandlungen zwischen den Geschäftsfreunden beendigt; aus der Tiefe der wallenden, mit Fuchspelz verbrämten Talare, oder auS künstlich an den breiten Gurten, die den Leib umgaben, angebrachten Taschen wurden lange wohlgefüilte Beutel hervvrgezogen, Handschriften und Geldsummen gegeneinander ausgetauscht lind recht» und links Händedrücke gewechselt. Das waren zu wichtige lind interessante Dinge, als daß sie den ehrlichen Salonwn nicht ganz hätten in Anspruch nehmen sollen. Nur einen Augenblick hatte er in seiner Aufmerksamkeit auf Benjamin nachgelassen, als er sich sogleich wieder desselben erinnerte und, noch ehe er seinen Geldsack wieder an den sichern Ort in seinem Gürtel befördert hatte, mit einem Lächeln innigster Zärtlichkeit sich nach ihm umsah. Aber plötzlich verschwand das Lächeln von seinen Lippen, seine Züge erstarrten vor Schreck, und eiseskalt drang es ihm zum Herzen. Benjamin war verschwunden I Wohill er auch seine verstörten Blicke senden mochte, Straße auf, Straße ab, Benjamin war spurlo» verschwunden! Wer beschreibt die Angst des Vaterherzens! Während er schnödes Gold gewonnen, hatte er seinen größten Schatz, da» Leben seines Lebens, sein ganze» Glück verloren. Wo sollte er ihn suchen in der großen Stadt, unter den vielen Menschen? Der arme liebe Knabe! Er hatte keinen Freund, keinen Beschützer, nur Feinde, fanatisch aus geregte Feinde, die den Judenjungen lieber unter ihren Füßen zertreten oder in die kalten Fluten der Etsch hinab stoßen würden, als ihm hülsreich beizustehen. Salonwn war in Verzweiflung. „Gott meiner Väter", schrie er, „Gott Abra ham's, Gott Jakob»! wo ist Benjamin? Wo ist mein Kind? Gebt mir mein Kind wieder! Ich bin ein Verstoßener in Israel; ich bin ein verdorrter Stamm unter den Leuten; ich bin verachteter denn ein Haar in dein Bart meiner Brüder. Gebt mir mein Kind wieder!" Und er zerraufte seinen Bart und streute Saud von der Straße auf sein Haupt. Seine Freunde wollten ihm Trost zusprechen, und einer von ihnen war sogar so von dem Geiste des Handel» erfaßt, daß er den unglücklichen Vater aufforderte, vor allem das noch nicht ganz abgewickelte Geschäft völlig abzuschließen. Da aber überwältigte Schmerz lind Ingrimm den armen Salonwn völlig: „Daß du verschwarzt werdest, Moses", schrie er, „ich will nischt machen Geschäfte, ich will nischt haben Gold oder Silber, ich will mein Kind haben, mein Benjaminche, und Hungers sterben!" und ein gewaltiger Thränenstrom brach aus den Augen des Unglücklichen und lief in großen Tropfen an feinem Barte herab. Plötzlich schien ihn ein schrecklicher Gedanke zu erfassen; seine Äugen er-