Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 5 (Februar 1866)
- Date
- 1866-02-01
- Page
- Seite 341 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Jude von Trient. 341 versammele unter den weiten Falten desselben. Er hatte alles versucht, die Güte und das Schwert, Religionsgespräche und Neichsversammlungen, Bitten und Drohungen; nichts wollte zum erwünschten Ziel führen. Wie es dem alten Kaiser mit den Uhren erging, als er im Kloster St.-Just sich bemühte, sie in Uebereinstimmung zu bringen, so war es ihm während seiner Regierung mit den Menschen auch gegangen. Er wollte jedoch noch Eins versuchen. Schon seit vielen Jahren hatte die christliche Welt nach einer Reformation der Kirche an Haupt und Gliedern, nach einem vom Papst unabhängigen Eoncil geschrien. Die Päpste hatten natürlich taube Ohren; es gab für sie nichts unbequemeres als ein solches Eoneil. Jetzt verlangte eö der mächtige Kaiser, und da hörten denn die päpstlichen Ohren etwas schärfer. Das so sehnlich herbeigewünschte Eoneil wurde im Jahre 1545 zu Trient eröffnet; es dauerte, eine kurze Unterbrechung ungerechnet, 18 Jahre und wurde am 4. Dee. 1503 geschlossen, ohne für den beabsichtigten Zweck auch nur das geringste gewirkt zu haben. Am Morgen dieses denkwürdigen Tags eilte Freund Salomon den Thoren der Stadt zu, an seiner Hand den kleinen Benjamin mitschleppend. Auch am südlichen Abhang der Alpen zeigt der Winter seine Strenge; es war ein frischer Morgen, die scharfe Luft röthete das liebliche Gesicht des Judenknaben- und der ziemlich lebhafte Wind spielte mit seinen wallenden Locken. Salomon schritt lebhaft auf der wenig gebahnten Straße dahin, nur selten einige aufmunternde und zur Eile mahnende Worte an den kleinen Benjamin richtend, der seine Beinchen gewaltig anstrengen mußte, um mit dem Bater gleichen Schritt zu halten. „Fort, Söhnchen Benjamin", sagte der Jude, „fort! Wir haben keine Zeit zu verlieren. Du warst zu müde heute, wir sind so spät aufgebrochen; der Tate muß da sein zur Stunde, sonst macht er großen Slamassen und kann verlieren viele goldene Dukaten. Kannst'e nischt laufen mehr, Benjaminche?" Der Knabe antwortete nicht; vielleicht fehlte ihm der Athem dazu; sein Gesicht glühte, und an seinen Haaren hlinkten einzelne Tropfen, die die Luft bald wieder aufsog. Der Bater btickte einen Augenblick theilnehmend auf den Kleinen, dann hob er ihn schnell auf seine Arme und eilte unermüdet weiter. „Der Tate will dich eppes tragen, Benjaminche", sagte er zärtlich, „nachher wirst wieder laufen können." Aber auch dem Alten war warm geworden von dem lebhaften Schritt, den er eingeschlagen hatte, und die Last, die er jetzt trug, als er eine Erhöhung des Weges hinanschritt, machte seinen Athem nicht länger. Plötzlich schlug das Geläute zahlloser Glocken an sein Ohr; es waren die Glocken, die die feierliche Schlußsitzung des Tridentiner Eoneils einläuteten. Eben hatte er die Kuppe des Hügels erreicht, und ein prachtvolles Schauspiel bot sich seinen Blicken dar. In geringer Entfernung vor ihm lag Trient; auf den Spitzen seiner Thürme blinkte die Deeembersonne; bewegte Luftwellen führten die mannichfachen Glockentöne, die in den verschiedensten Abstufungen durcheinander klangen, über die Stadt hin und in das weite Thal hinab, und aus tausend Schornsteinen zogen bläuliche Rauchsäulen in die dünne Luft hinauf. Einen Augenblick stand Salomon unwillkürlich still, dem wunderbaren Anblick sich hingebend und in tiefen Zügen athmend, als er sich der großen Wichtigkeit der nächsten drei Stunden erinnerte und mit beschleunigten Schritten der nahen Stadt zueilte. Benjamin hatte sich so weit erholt, daß er wieder munter neben seinem Bater herlief, halb gezogen von dessen brennender Hand. Nach einer Viertelstunde waren die Wanderer, die durch die Porta San- Lorenzo die Stadt betreten hatten, an dem mächtigen viereckigen Thurm angelangt, der mit seinen drohenden Zinnen und seinen 0 Fuß dicken, aus Werkstücken aufgeführten Mauern die große Brücke über die Etsch beherrscht und vertheidigt. Bald betraten sie diese