Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 5 (Februar 1866)
- Date
- 1866-02-01
- Page
- Seite 340 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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340 Jllustr. Monatsh. für die gei gekreuzigt — die Nägelmale fanden sich leicht — und fein Blut zu den gräßlichen Ceremonien ihrer scheußlichen Feste gebraucht hätten. Eine an Wahnsinn grenzende Aufregung ergriff jung und alt in der frommen Stadt Trient. Fanatische Weiber und Mönche rannten durch die Straßen und riefen gräßliche Verwünschungen auf die Häupter der unglücklichen Juden herab, der Pöbel erbrach ihre Häuser, raubte ihre mühsam erworbenen Schätze, mishandelte ihre Personen und schleppte sie blutend, mit zerrissenen Kleidern, mit gebrochenen Gliedern und fast leblos vor den Bischof, um die Urheber eines so großen Frevels dem geistlichen Gericht zu übergeben. Welche Erfolge diese gerichtliche Procedur hatte, ist unschwer zu errathen. Die Juden wurden durch wirksame Anwendung aller Grade der Folter überführt, das ihnen schuld gegebene Verbrechen begangen zu haben, und empfingen ihre gerechte Strafe. Fünf alte siebzigjährige Greise hatte bereits die Folter getödtet, zwei kräftige Männer wurden als die eigentlichen Mörder Simonino's mit glühenden Zangen gezwickt und dann ihre zuckenden Leiber auf mächtigen Scheiterhaufen verbrannt, einundzwanzig Männer und Weiber zum Galgen begnadigt, alle übrigen aber für ewige Zeiten aus der guten christlichen Stadt Trient verbannt. Was geschah mit der Leiche Simonino's? Sie wurde einbalsamirt und Seine Heiligkeit, der damals auf dem Stuhl Petri sitzende Papst Sirius IV. sprach den kleinen Märtyrer selig und heilig. Santo Simoninö ist nicht der schlechteste unter den Heiligen der Kirche, und die gute Stadt Trient genießt den Vorzug, ihn noch heute in Person zu besitzen. Es war keine allzu lange Zeit nach der Hinrichtung des einen und nach der Vertreibung des andern Theils der Judenschaft verflossen, als die ehrbaren Bürger von Trient gegründete Ursache fanden, die Weisheit des gesprochenen Urtheils, wenigstens was den s. Interessen des JudenthumS. letzten Theil desselben betrifft, in Zweifel zu ziehen. Seitdem es in Trient keine Juden mehr gab, konnte ein guter Christ kaum noch leben. Aller Handel und Verkehr war plötzlich verschwunden, und es waren daraus größere Uebelstände und Unbequemlichkeiten erwachsen, als man denken sollte. Die Unzufriedenheit stieg mit jeder Woche, und die hohe Obrigkeit sah sich endlich genöthigt, den Juden, die sich in den benachbarten Dörfern niedergelassen hatten, weil sie in andern Städten nicht ausgenommen wurden, zu gestatten, an gewissen Tagen nach Trient zu kommen, um dort ihre Geschäfte wieder aufzunehmen und den Handel zu beleben. An jeglichem dieser Tage, deren nicht allzu viele waren, durften die armen Verstoßenen jedoch nur drei kurze Stunden verweilen und setzten sich den härtesten Strafen aus, wenn der Schlag der dritten Stunde sie noch innerhalb der Mauern ereilte. Sv war es noch im Jahre l563, und der freundliche Leser weiß nun, warum der ehrliche Salomon mit seinem blondlockigen Sohn Benjamin seine Hütte unter dein Felsen bei Mora aufgeschlagen hatte und abends unter der fröhlichen Jugend am Brunnen erschien, seine Handelsgeschäfte zu treiben. Natürlich versäumte er es nie, an den bestimmten Tagen gleich allen seinen Glaubensgenossen in die nahe Stadt zu eilen und die drei kostbaren Stunden so gut zu benutzen, als es irgend möglich war. Ein solcher Tag der Gnade war auch der 4. December 1563, ein Tag, der überdem nicht blos in dein Leben des armen Juden, sondern auch in der Geschichte der christlichen Kirche die größte Bedeutung und Wichtigkeit erlangt hat. Der gute alte Kaiser Karl V. hatte fast sein ganzes sorgen- und thatenreiches Leben dazu verwendet, die streitenden Religionsparteien in Deutschland wieder zu vereinigen und den gewaltigen Riß, den der gewaltige I)r. Luther in den Mantel des Papstes hineingerissen hatte, dadurch zusammenzuheften, daß er die Abtrünnigen wieder