Mannheim
Compact Memory

Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums · 1866-02-01 · Heft 5 (Februar 1866) · p. Seite 336

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
Volume
II. Band (1865-1866)
Issue
Heft 5 (Februar 1866)
Date
1866-02-01
Page
Seite 336 (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2417805-2417813-2417818--857-2418701
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

336 Jllustr. Monatsh. für die ges. Interessen des Judenthums. verließ die Stadt, in der nichts mehr einen Reiz für mich hatte, und lebe hier wirkend in meinen: Beruf und zehrend in stiller Erinnerung. Mein Leben ist abgeschlossen, es gehört nicht mehr mir, es gehört der leidenden Menschheit, mir gehört nur noch die Erinnerung an ein entschwundenes Glück. Aber wie mein äußeres Leben hier seinen Abschluß gefunden, so hat ihn auch mein inneres; und wenn ich auch zu der Einsicht gelangt bin, daß es vergebens sei, den Schlüssel zn suchen, den ich gesucht habe, so glaube ich doch, daß jeder Mensch, wenn auch nicht für die ganze Menschheit, wol doch in Bezug auf sich ihn finden kann. Ich' las wiederholt das Nene Testament und richtete mich empor an der Leidensgeschichte Jesu; sein Leiden für die Menschheit, seine Hingebung und Selbstverleugnung für eine Idee stählte meine Kraft im Entsagen. Ich bin kein Christ geworden, obwol ich aufgehört habe Jude zu sein, und wenn mich auch der Verlust des geliebtesten Wesens schmerzt, so fühle ich doch eine innere Befriedigung und ein unaussprechliches Glück in dem Gedanken, kein anderes Glaubensbekenntnis;, wenn auch nur äußerlich, angenommen zu haben. Ein Mensch wie ich, das fühle ich nun klar, darf die Religion nicht wechseln, ja er kann dies nicht, weil er eigentlich keiner von den bestehenden angehört. Er hat von jeder Religion das Beste in sich ausgenommen und die Formen aller abgestreift und schwebt in erhabener Religionslosigkeit, welche seine wahre Religion ist, über allen Religionen. Dies aber fühle ich, daß meine Religion nicht Anspruch machen darf, eine allgemeine zu werden; die Religion, die ich habe, ist nur für einzelne Menschen, und zwar immer nur für den, der selbst ihr Stifter und ihre ganze Gemeinde in Einer Person ist. Wer den Tempel der Tugend und Sittlichkeit in seinem eigenen Herzen aufgerichtet und das Gute will und thut, weil es das Gute ist, der braucht keinen äußern Zwang und keine fesselnde Form. Die große Masse aber bedarf dieser fesselnden Form gar sehr, und dies ist auch der Sinn, den alle Religionen haben. Alle Religionsstifter, Moses und Christus wie Buddha, haben dasselbe Ziel vor Augen gehabt, das Ziel, den Menschen sittlich und gut zu machen. Da auf die Masse nur durch große Effecte gewirkt werden kann, so bedienten sie sich der Zeichen und Wunder, jeder in seiner Weise. Der sittliche Mensch, der die Höhe ersteigt, von welcher aus dies übersehen werden kann, darf darum um so weniger ans einer Form in die andere übertreten. Ich kann mir eher denken, daß ein frommer, rechtgläubiger Jude ein Christ, oder umgekehrt ein rechtgläubiger Christ plötzlich Jude wird; dein: es kommt hierbei nur auf den einen Punkt an, daß ihm das eine einleuchtender als das andere erscheint, und so etwas, so ein plötzlicher Sprung ist möglich. Der freie Mensch auf geistiger Höhe darf aber kein religiöser Meilenzeiger werden, der einem im nächtlichen Dunkel dahinziehenden Wanderer den Weg zeigt. Deßhalb gefällt mir von allen Sprüchen der Altrabbinen keiner so gut als der, welcher lautet: «Olmeliomim InLulmru bocknvrocbein!» (Ihr Weisen, gebet Acht auf euere Worte!) In diesem Spruch liegt die tiefste Weisheit. Darum, was ich Ihnen gesagt habe, habe ich Ihnen als meinem Lehrer und Freunde gesagt, doch wünschte ich nicht, daß ein anderer mich gehört hätte. Denn was man denkt und thut, das hat inan mit seinem Gewissen-äbzumachen; was man aber durch das Beispiel auf andere wirkt, die dann ohne die genannten Kämpfe innerlich durchgemacht zu Habei:, aus Bequemlichkeit sich der fesselnde:: Formen entledigen, das liegt außer aller Berechnung. Und dies sagte ich mir instinctiv in jenen: Traume, der für mich so eickscheidend war. Nehmen Sie, wenn zum Beispiel ein Mensch wie mein Freund Gumpel mir folgen wollte, der Schwindel würde ihn ergreifen, und er wäre unrettbar verloren; denn er müßte von der Höhe Hinabstürzen, tief in den untersten Abgrund, und ich vermöchte nicht, ihn zu halten." So endigte Felix die Geschichte seiner Liebe. Reb Sawel, der mit größter

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.