Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 5 (Februar 1866)
- Date
- 1866-02-01
- Page
- Seite 335 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Schlüssel. 335 „Mit dem Schrei: »Ich bleib'Jude!» erwachte ich aus dem ängstigenden Traum und bebte an allen Gliedern. „Die Sonne strahlte bereits hell ins Zimmer, so spät war ich erwacht; rasch eilte ich zu Aurelie, und ihr habe ich alles zu danken, sie bewirkte in ihrer schlichten Herzenseinfalt den Proceß meiner innern Läuterung. Ich batte vor Aurelie kein Geheimniß; mein ganzes Wesen lag vor ihr offen, wie vor mir das ihrige. Nachdem ich ihr den Traum erzählt hatte, bemerkte ich, daß sie davon sehr ergriffen war. Sie schwieg und sah mich mit dem Ausdruck tiefster Wehmuth an. Ich fragte, ob die Erzählung des Traumes sie erschreckt habe, und ob sie auf Träume etwas gebe. Darauf fragte sie, wie sie nicht erschrecken sollte, da derselbe mich doch so gewaltig erschüttert hätte, und es müsse in den Träumen doch auch ein Unterschied gemacht werden, und mancher Traum werde doch etwas mehr sein als ein schlecht ablaufender Verdauungsproceß. Hierauf bat sie mich, wenn es mir nicht beschwerlich falle, diejenigen Punkte aus dem Traum aufzuhellen, welche nur durch Mittheilungen aus meiner Jugendzeit verständlich gemacht werden können. Sie erkundigte sich namentlich nach den Personen und nach dem Zusammenhang derselben mit dem gehabten Traumgesicht. Ich erzählte ihr aus meiner Jugendzeit die wichtigsten Momente, die Ihnen bekannt sind. Ich sprach ihr von meiner Freundschaft mit Gumpel, von Bärl LedereUs Prophezeiung, von meinen kindlichen Zweifeln, von Ihnen, vom Neuen Testament, von dem Herrn Blumenthal, von dem Schlüssel, der nothwendig ist, ein Schloß aufzusperren, endlich von meinem Abschied und von Rösele. Sie hörte mich ruhig an, und es schien mir, als ob jedes meiner Worte sich in ihr Herz eingrabe. Nachdem ich mit meiner Erzählung fertig war, umfaßte sie mein Haupt, küßte mir die Stirn und die Augen, dann sprach sie: «Herrlicher Freund, der Himmel segne dich!« „Sie wollte fort, aber ich versuchte sie zurückzuhalten, indem ich sie heftig an meinen Busen drückte und ihr Gesicht mit tausend Küssen bedeckte. «Du willst fort, Aurelie», fragte ich, «und hast mir sonst nichts zu sagen?» „»Nein», antwortete sie, «deine innere Stimme hat bereits gesprochen, es ist kein Wort mehr nöthig.» „«Bleibe, Aurelie», bat ich, da sie sich aus meiner Umarmung losmachte, «verlaß mich nicht; meine innere Stimme schweigt, ich verstehe sie nicht.» „«Du wirst dich verstehen», erwiederte sie, «sobald du ruhiger und fähig geworden sein wirst, über dich nachzudenken; deshalb mein, Freund, erweichen wir uns nicht weiter durch kindische Zärtlichkeit. Lebe wohl!« „«Ich sollte ruhiger werden», sagte ich, «da du mir die Ruhe auf immer rauben willst? Rathe mir, sprich, daß du mir nicht zürnst!» „Mild lächelnd reichte sie mir nochmals die Hand zum Abschied und sagte: «Theueror Freund, verstehst du mich so wenig? Wenn ich dir aber rächen soll, so höre: Ich will dir nicbt sagen, daß du mich vergessen sollst, denn du wirst mich so wenig vergessen, als ich jemals deiner vergessen könnte, aber Eins ist möglich: Trennung, das ist das Beste, was ich dir rathen kann, und verlasse diesen Ort, wo dich tausenderlei Beziehungen immerfort mit quälender Erinnerung plagen, sowie ick ihn ungesäumt verlassen werde, und« fügte, sie hinzu, «forsche nicht nach mir!» „«Aurelie», rief ich geängstigt, indem ein furchtbarer Gedanke mir durch die Seele fuhr, »Aurelie! Ich lasse dich nicht, was für ein entsetzlicher Gedanke beherrscht dich, was hast du vor?» „«Sei ruhig, theuerer Freund!« sagte sie, und der Himmel der Verklärung strahlte von ihrem holden Antlitz, als ob ihr Haupt mit einer goldenen Aureole umgeben gewesen wäre; «sei ruhig und rege dich nicht aus durch thörichte Einfälle, die mir nicht in den Sinn kommen. Weißt du nichts von Entsagung? Du kennst ja das Neue Testament! Du verspricht mir also! Nicht wahr?» „Mit diesen Worten riß sie sich los, und mein Entschluß stand fest. Was weiter darauf erfolgte, wissen Sie. Ich